Serbien steht vor einem politischen Neuanfang. Nach der vorgezogenen Parlamentswahl am Sonntag hat Aleksandar Vučić seine Niederlage eingeräumt. Vor Anhängern in Belgrad erklärte er, die von Studierenden getragene Bewegung habe die Wahl gewonnen.
Erste Hochrechnungen der Institute Ipsos und CeSID sahen die „Studentenliste“ bei rund 52 Prozent der Stimmen, das von Vučićs Serbischer Fortschrittspartei (SNS) geführte Bündnis „Aleksandar Vučić – Vereintes Serbien“ bei etwa 39,3 Prozent. Damit zeichnet sich eine absolute Mehrheit für die Bewegung ab, die aus den Protesten gegen Korruption hervorgegangen ist. Nach Vučićs eigenen Worten erhielt sie mehr als zwei Millionen Stimmen – in einem Land mit rund 6,5 Millionen Einwohnern.
Für die SNS endet damit eine 14 Jahre dauernde Vorherrschaft. Ganz ohne Seitenhieb ging der Abschied allerdings nicht: Vučić behauptete, die Studierenden hätten mit Hilfe aus dem Ausland gewonnen, legte dafür aber keine Belege vor.
Die Bewegung muss nun zeigen, dass sie vom Protest zur Regierungsarbeit wechseln kann. Die Erwartungen sind hoch: Viele Wählerinnen und Wähler verbinden mit dem Ergebnis die Hoffnung auf mehr Transparenz, unabhängige Institutionen und einen anderen politischen Stil. Auch in Brüssel dürfte man genau beobachten, wie sich der Machtwechsel in Belgrad gestaltet und welchen Kurs eine neue Mehrheit gegenüber der EU einschlägt.
Die Wahl war von Anfang an als Richtungsentscheidung gesehen worden. Monatelang hatten vor allem junge Menschen gegen Korruption und für einen funktionierenden Rechtsstaat demonstriert. Dass aus diesen Protesten eine eigene Liste mit Mehrheitsanspruch wurde, galt lange als unwahrscheinlich. Nun liegt die Verantwortung bei einer Generation, die bisher vor allem auf der Straße Politik gemacht hat.
Fest steht schon jetzt: Dieser Wahlabend gehört zu den bemerkenswertesten in der jüngeren Geschichte Serbiens.
