Es war kein Krönungsabend, aber es fühlte sich schon ein bisschen danach an. Kimi Antonelli hat den Großen Preis der USA in Austin gewonnen und steht damit unmittelbar vor seinem ersten Weltmeistertitel in der Formel 1. Der Mercedes-Pilot, der erst im August 20 Jahre alt geworden ist und seine zweite Saison in der Königsklasse fährt, kontrollierte das Rennen auf dem Circuit of The Americas über 56 Runden und kam mit 13,078 Sekunden Vorsprung ins Ziel. Es war sein neunter Saisonsieg – und ein weiteres Ausrufezeichen in einem Jahr, das ohnehin schon ihm gehört.
Rechnerisch ist die Sache noch nicht entschieden, praktisch aber kaum noch umkehrbar. Antonelli führt die Wertung mit 365 Punkten an, 123 Zähler vor seinem Teamkollegen George Russell und 124 vor Ferrari-Star Lewis Hamilton. Nur diese beiden haben überhaupt noch eine theoretische Chance. Max Verstappen, Charles Leclerc und Lando Norris sind nach Austin endgültig aus dem Titelrennen ausgeschieden.
Den Grundstein für den Erfolg legte Antonelli gleich in der ersten Runde. Während Max Verstappen im Red Bull einen schwachen Start erwischte, zog der Italiener entschlossen nach vorn und übernahm die Führung, die er danach nicht mehr hergab. Entscheidend war die Strategie: Viele Konkurrenten setzten auf zwei Boxenstopps, Mercedes wählte für seinen Spitzenreiter nur einen. Antonelli fuhr einen langen, starken Abschnitt auf den Medium-Reifen und brachte anschließend die harte Mischung souverän bis zur Zielflagge.
Selbst eine virtuelle Safety-Car-Phase kurz vor Schluss, die das Feld noch einmal einbremste, konnte seinen Vorsprung nicht ernsthaft gefährden. Wer das Rennen verfolgte, sah keinen nervösen Jungstar, sondern einen Fahrer, der Reifen, Abstände und Risiko mit erstaunlicher Ruhe verwaltete. Genau diese Gelassenheit ist es, die Beobachter in dieser Saison immer wieder hervorheben.
Hinter dem Sieger wurde es dagegen richtig spannend. Charles Leclerc und Max Verstappen lieferten sich mit ihren Zwei-Stopp-Strategien ein unterhaltsames Duell um Platz zwei. Sieben Runden vor Schluss setzte sich der Ferrari-Pilot in Kurve 12 gegen den Niederländer durch und holte damit zum zweiten Mal in Folge Rang zwei. Verstappen kämpfte zudem mit mehreren kleineren Problemen an seinem Auto, rettete aber dennoch Platz drei und damit einen Podestplatz ins Ziel.
Lewis Hamilton machte als Vierter das gute Ergebnis für Ferrari komplett. Lando Norris hatte lange auf einen Podiumsplatz hoffen dürfen, verlor mit zunehmend abgenutzten Reifen aber an Tempo und wurde Fünfter. Dahinter folgten Isack Hadjar im zweiten Red Bull und Oscar Piastri im zweiten McLaren. George Russell, der eine Fünf-Sekunden-Strafe kassiert hatte, kämpfte sich noch auf Rang acht vor. Die letzten Punkte gingen an Liam Lawson von Racing Bulls und Pierre Gasly im Alpine. Nico Hülkenberg verpasste als Elfter die Punkte nur knapp.
Bemerkenswert ist, wie sehr sich Antonelli in dieser Saison entwickelt hat. Im ersten Jahr galt er noch als großes Versprechen, das zwischendurch auch Lehrgeld zahlen musste. Inzwischen wirkt er wie ein Fahrer, der genau weiß, wann er angreifen und wann er einfach nur verwalten muss. In Austin war beides zu sehen: der mutige Start, um Verstappen zu überholen, und danach die disziplinierte Arbeit mit den Reifen, die so viele andere vor Probleme stellte. Für ein Team wie Mercedes, das jahrelang den Ton angab und dann Durststrecken erlebte, ist ein solcher Fahrer ein Glücksfall. Neun Siege in einer Saison sprechen eine deutliche Sprache.
Gerade Russells achter Platz und Hamiltons vierter Rang waren es, die eine vorzeitige Entscheidung schon in Texas verhinderten. Antonelli hätte bereits am Sonntag Weltmeister werden können – vorausgesetzt, er gewinnt, Hamilton landet außerhalb der Top vier und Russell wird höchstens Neunter. Den eigenen Teil erfüllte der Italiener, die anderen beiden Bedingungen traten nicht ein. Also wird vertagt.
Was Antonelli in Mexiko-Stadt noch braucht
Die nächste Gelegenheit kommt schnell: Schon am kommenden Wochenende, vom 30. Oktober bis 1. November, gastiert die Formel 1 in Mexiko-Stadt. Die Rechnung ist überschaubar. Holt Antonelli dort mindestens zwei Punkte, also einen neunten Platz, ist er Weltmeister – ganz egal, wie Russell und Hamilton abschneiden. Selbst ein Sieg von Russell würde dann nicht mehr reichen, weil nach Mexiko nur noch vier Rennen und maximal 100 Punkte zu vergeben sind.
Es geht sogar noch einfacher: Gewinnt weder Russell noch Hamilton das Rennen in Mexiko, ist Antonelli unabhängig von seinem eigenen Ergebnis Champion. Nur ein Ausfall oder ein ungewohnt schwacher Tag außerhalb der Punkte, kombiniert mit einem Sieg eines der beiden Verfolger, könnte die Feier noch einmal verschieben. Danach stehen noch São Paulo, Las Vegas, Katar und Abu Dhabi im Kalender – für die Titelentscheidung dürften sie aber wohl nur noch Kulisse sein.
Antonelli selbst gibt sich betont zurückhaltend. „Wir sind sehr nah dran“, sagte er nach dem Rennen sinngemäß. Man wolle stark abschließen und den Titel hoffentlich sehr bald festmachen. Große Kampfansagen oder vorzeitige Jubelposen gab es nicht – auch das passt zum Bild, das er in diesem Jahr abgibt.
Sollte es in Mexiko klappen, würde Antonelli zum jüngsten Weltmeister in der Geschichte der Formel 1. Und das mit mehreren Rennen Vorsprung. Für Mercedes wäre es die Bestätigung eines mutigen Weges: Das Team hatte früh auf den jungen Italiener gesetzt, obwohl die Erwartungen an einen Fahrer seines Alters gewaltig waren. In dieser Saison hat er sie mehr als erfüllt.
Für die Konkurrenz bleibt ein gemischtes Fazit. Ferrari kann sich über zwei Fahrer in den Top vier und Leclercs starke Form freuen, Red Bull über einen kämpferischen Verstappen, der trotz Problemen aufs Podest fuhr. McLaren dagegen muss nach einem Wochenende ohne Podestplatz wieder an der Reifenhaltbarkeit arbeiten. Doch im Mittelpunkt steht ein anderer: Ein 20-Jähriger, der in Austin vorgemacht hat, wie man ein Rennen mit kühlem Kopf nach Hause fährt – und der in Mexiko-Stadt nur noch einen kleinen Schritt vom ganz großen Ziel entfernt ist.
Fans in Italien dürfen sich also schon einmal auf einen besonderen Sonntag einstellen. Und wer weiß: Vielleicht wird aus dem kontrollierten Sieg von Austin im Rückblick genau das Rennen, an dem man den Titel erstmals richtig greifen konnte.
