Es gibt Abschiede, die sich wie ein Schlussstrich anfühlen, und solche, die eher an ein großes Familienfest erinnern. Was die Toten Hosen am Samstagabend in Buenos Aires erlebt haben, gehört eindeutig zur zweiten Sorte. Rund 15.000 Menschen drängten sich in der ausverkauften Movistar-Arena, um die Düsseldorfer Punkrocker ein letztes Mal auf einer argentinischen Bühne zu sehen. Es war der fünfzigste Auftritt der Band in dem südamerikanischen Land – und nach eigener Ankündigung der letzte. Nach 34 Jahren endet damit ein Kapitel, das in der deutschen Popgeschichte ziemlich einmalig ist.
Frontmann Campino stand am Ende des Abends sichtlich gerührt im hellblau-weißen Trikot der argentinischen Nationalmannschaft vor dem Publikum. „Ohne Argentinien wären wir nicht, was wir sind“, sagte er, als die letzten Töne verklungen waren. Ein Satz, der bei vielen Bands nach höflicher Floskel klingen würde. Bei den Toten Hosen nimmt man ihn ernst, denn die Verbindung zwischen der Gruppe aus dem Rheinland und ihren Fans am Río de la Plata ist über Jahrzehnte gewachsen und hat Höhen und Tiefen beider Seiten überdauert.
Die Abschiedsreise stand unter einem Motto, das fast schon wie eine Liebeserklärung an die argentinische Lebensart klingt: „Fútbol, Asado, Vino y Adiós, Amigos“ – Fußball, Grillfleisch, Wein und auf Wiedersehen, Freunde. Bevor es in die Hauptstadt ging, hatte die Band bereits in Rosario und Tandil gespielt. Auch dort wurde gefeiert, gesungen und wohl auch die eine oder andere Träne verdrückt.
Eine Liebesgeschichte, die 1992 in einem kleinen Club begann
Wer verstehen will, warum ausgerechnet eine deutsche Punkband in Argentinien solche Gefühle auslöst, muss zurück in den Spätsommer 1992. Am 11. September jenes Jahres spielten Campino und seine Mitstreiter ihr erstes Konzert im Club Halley in Buenos Aires. Die Band selbst beschreibt diesen Abend rückblickend als „Beginn einer großen Liebe“ und spricht von einer „unglaublichen Liebesgeschichte“. Aus dem ersten Besuch wurden zahllose weitere Reisen über den Atlantik. Inzwischen nennen die Musiker Argentinien ihre zweite Heimat.
Bemerkenswert ist dabei, dass die Sprache offenbar nie ein Hindernis war. Die meisten Hosen-Songs sind auf Deutsch, und doch sangen die argentinischen Fans am Samstag Zeile für Zeile mit. Man kann darüber staunen, man kann es aber auch als Beweis dafür nehmen, dass Punkrock eine eigene Sprache spricht: Es geht um Energie, um Zusammenhalt, um das Gefühl, mit Tausenden anderen im selben Moment dasselbe zu empfinden. Ob man jedes Wort versteht, wird dann fast nebensächlich.
Ein zweiter Grund für die besondere Treue liegt in der Geschichte des Landes selbst. Als Argentinien Anfang der Nullerjahre in die Staatspleite rutschte, verschwanden viele internationale Künstler von den Tourplänen. Konzerte dort waren wirtschaftlich unattraktiv, die Währung kollabierte, die Menschen hatten andere Sorgen. Die Toten Hosen kamen trotzdem. Solche Gesten vergisst ein Publikum nicht. Wer in schlechten Zeiten bleibt, gilt danach nicht mehr als Gast, sondern als Freund – und genau diese Rolle haben die Düsseldorfer in Argentinien eingenommen.
Die Band betont selbst, dass die Beziehung keine Einbahnstraße war. „Wir haben Freunde fürs Leben gefunden, und die Menschen und die Bands dort waren immer eine große Inspiration für uns“, heißt es in ihrem Rückblick. Gerade die lebendige argentinische Rockszene, die eng mit dem Fußball und der Straßenkultur verbunden ist, dürfte für eine Gruppe, die sich nie nur als Musikprojekt verstanden hat, ein natürlicher Resonanzraum gewesen sein. Fußball als gemeinsame Leidenschaft, Feiern als Ritual, Musik als Gemeinschaftserlebnis: Das passt zusammen.
Dass zum Abschiedskonzert auch zahlreiche Fans aus Deutschland die weite Reise antraten, zeigt, welchen Stellenwert dieser Abend auch hierzulande hatte. Für viele langjährige Anhänger war es eine Gelegenheit, einen Teil der Bandgeschichte zu erleben, den sie sonst nur aus Erzählungen, Livealben oder Dokumentationen kannten. In der Arena mischten sich so Trikots, Schals und Dialekte aus zwei Kontinenten – ein Bild, das ziemlich genau zusammenfasst, wofür die Toten Hosen in Argentinien stehen.
Natürlich schwingt bei all der Feierlaune auch Wehmut mit. Die Mitglieder der Band sind mittlerweile alle jenseits der 60. Seit den frühen Achtzigern stehen sie auf der Bühne, haben unzählige Touren gespielt, Stadien gefüllt und Generationen von Fans begleitet. Dass irgendwann Schluss sein würde, war absehbar. Die Entscheidung, den Zeitpunkt selbst zu wählen, statt sich von Gesundheit oder schwindendem Interesse treiben zu lassen, passt allerdings zu einer Gruppe, die stets viel Wert auf Selbstbestimmung gelegt hat.
Campino hatte dazu im Mai gegenüber der Nachrichtenagentur dpa einen Satz geprägt, der als Leitmotiv für die gesamte Abschiedsphase taugt: „Es ist immer besser, einen Tick zu früh zu gehen als einen Tick zu spät.“ Man mag darüber streiten, ob ein Abschied nach mehr als vier Jahrzehnten Bandgeschichte wirklich „zu früh“ ist. Doch der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar: Lieber mit einem vollen Saal und Gänsehautmomenten aufhören, als irgendwann vor halbleeren Rängen eine Pflichtübung abzuliefern.
Für das deutsche Publikum ist die Geschichte damit noch nicht zu Ende erzählt. Im kommenden Jahr wollen die Toten Hosen auch in der Heimat ihre letzten Konzerte geben. Wer die Band noch einmal live erleben möchte, sollte die Ankündigungen also aufmerksam verfolgen – die Nachfrage nach Tickets dürfte enorm sein, wenn man die Szenen aus Buenos Aires als Maßstab nimmt. Schon jetzt ist absehbar, dass auch diese Abende eher Feste als Trauerfeiern werden sollen.
Bleibt die Frage, was von dieser besonderen Freundschaft übrig bleibt, wenn die Band nicht mehr tourt. Vermutlich eine ganze Menge. Die Erinnerungen an fünfzig Konzerte, an durchgesungene Nächte und an eine Band, die auch in schwierigen Zeiten kam, werden in Argentinien noch lange weitererzählt werden. Und vielleicht ist das die schönste Pointe dieses Abschieds: Eine Gruppe aus Düsseldorf hat am anderen Ende der Welt ein zweites Zuhause gefunden – nicht durch Marketing oder Charterfolge, sondern durch Beständigkeit, Herzlichkeit und eine gemeinsame Leidenschaft für Musik und Fußball.
Am Samstag in der Movistar-Arena wurde genau das noch einmal sichtbar. Es war ein Abschied mit Pathos, aber ohne Bitterkeit. Ein „Adiós“, das eher nach „Danke“ klang. Und für viele, die dabei waren, wohl einer jener Abende, von denen man noch erzählt, wenn die letzten Plakate längst abgehängt sind.
