Spitzenreiter in Unterzahl: Freiburgs „roter Zauber“ und Gladbachs Derby-Frust

Spitzenreiter in Unterzahl: Freiburgs „roter Zauber“ und Gladbachs Derby-Frust

Im Breisgau reibt man sich verwundert die Augen: Der SC Freiburg steht an der Spitze der Fußball-Bundesliga. Möglich machte das ein 2:1 gegen den FC Schalke 04 am Sonntagabend, erkämpft in den letzten Minuten und in Unterzahl. Als die Fans in der Schlussphase „Spitzenreiter, Spitzenreiter“ anstimmten, war das für manchen Spieler offenbar die erste Nachricht über die neue Tabellenlage. Stürmer Igor Matanovic gab hinterher zu, er habe es selbst erst durch die Gesänge von den Rängen mitbekommen.

Der Weg dorthin war alles andere als bequem. In der 64. Minute sah Yuito Suzuki die Gelb-Rote Karte, Freiburg musste die letzte knappe halbe Stunde mit einem Mann weniger auskommen. Viele Mannschaften hätten in dieser Lage den Punkt verwaltet. Die Elf von Trainer Julian Schuster entschied sich für das Gegenteil: Sie lief weiter an, presste hoch und erzwang Fehler beim Gegner. Fünf Minuten vor dem Ende köpfte der eingewechselte Keisuke Goto den Siegtreffer – ein Tor, das den Abend zu einem kleinen Vereinsmärchen machte.

Die Zahlen untermauern den Eindruck, dass es sich nicht um eine Momentaufnahme handelt. Sieben Siege und ein Unentschieden aus acht Pflichtspielen stehen in dieser Saison zu Buche. Und doch war Schuster nach dem Abpfiff auffallend bemüht, die Tabelle kleinzureden. Der erste Platz habe „weder vor noch nach dem Spiel irgendeine Rolle gespielt“, sagte der 41-Jährige. Wichtiger sei die Erfahrung, in Unterzahl gewinnen und so pressen zu können. Das klingt nach klassischem Trainer-Understatement, sagt aber viel über das Selbstverständnis dieses Teams: Es geht um die Art, wie man spielt, nicht um das Etikett, das danach an der Tabelle klebt.

Der Joker mit den roten Haaren

Im Mittelpunkt steht nach diesem Wochenende vor allem Keisuke Goto. Der 21 Jahre alte Japaner kam im Sommer vom RSC Anderlecht und fällt schon optisch auf: Seine rot gefärbten Haare passen zum Vereinstrikot, und Matanovic taufte das Ganze nach dem Spiel kurzerhand „roten Zauber“. Für Goto war es wettbewerbsübergreifend bereits das dritte Saisontor – beachtlich für einen Spieler, der meist von der Bank kommt. Schuster lobte seinen Neuzugang ausdrücklich: Der Junge habe „so viel Hunger“ und nehme alles an. Man werde noch viel Spaß an ihm haben.

Bemerkenswert ist, wie schnell sich Goto eingelebt hat. Die Sprachbarriere ist noch da, doch im Kader gibt es mit Suzuki und weiteren Landsleuten Ansprechpartner, die beim Ankommen helfen. Freiburg hat seit Jahren den Ruf, junge Spieler geduldig zu entwickeln, statt sie mit Erwartungen zu erdrücken. Goto scheint genau in dieses Umfeld zu passen: Er bekommt seine Minuten, er nutzt sie, und niemand verlangt von ihm, sofort Stammspieler zu sein.

Dazu kommt eine Kaderbreite, die man dem Sport-Club früher selten zugetraut hätte. Vincenzo Grifo, seit Jahren Rekordtorschütze und Standardspezialist des Klubs, sitzt derzeit häufiger draußen. Statt zu murren, liefert er, wenn er gebraucht wird – auch gegen Schalke gehörte er zu den Einwechselspielern, die dem Spiel neue Energie gaben. Dass ein Verein dieser Größenordnung solche Spieler als Joker einsetzen kann, ist vielleicht das deutlichste Zeichen für den Fortschritt der vergangenen Jahre.

Ganz anders sieht die Gefühlslage einige Hundert Kilometer weiter nördlich aus. Borussia Mönchengladbach verlor das rheinische Derby beim 1. FC Köln mit 1:2 und bleibt nach fünf Niederlagen in fünf Ligaspielen Tabellenletzter. Ausgerechnet beim Debüt des neuen Trainers Alexander Blessin setzte es die nächste Pleite. Überschattet wurde der Nachmittag zudem von Krawallen und Pöbeleien im Gästeblock – Bilder, die dem Klub in dieser ohnehin angespannten Phase zusätzlich schaden.

Sportlich bemühten sich die Gladbacher Verantwortlichen dennoch um Zuversicht. Sportchef Rouven Schröder sah eine gut eingestellte Mannschaft, Mittelfeldspieler Philipp Sander sprach davon, dass ihm die Leistung Mut mache, auch wenn das niemand hören wolle. Tatsächlich kassierte die Borussia erstmals in dieser Saison weniger als drei Gegentore. Allerdings reichte den Kölnern, die gleich zwei zentrale Stürmer ersetzen mussten, ein eher durchschnittlicher Auftritt. Individuelle Abwehrfehler und falsche Entscheidungen in aussichtsreichen Angriffen gaben den Ausschlag.

Für Gladbach wird das nächste Spiel bereits zur Weichenstellung: Gegen den Tabellenvorletzten TSG Hoffenheim, der nur drei Punkte voraus ist, droht bei einer weiteren Niederlage früh ein spürbarer Rückstand auf die rettenden Plätze. Freiburg dagegen kann mit breiter Brust in die nächsten Wochen gehen – auch wenn Schuster das Wort „Spitzenreiter“ wohl weiterhin meiden wird.

Auch eine Etage tiefer sorgt der Spieltag für Gesprächsstoff. In der 2. Bundesliga drehte der 1. FC Nürnberg gegen den VfL Wolfsburg einen 0:2-Pausenrückstand und kam in einem wilden Acht-Tore-Spiel zu einem 3:3. Piet Scobel traf doppelt, Mohamed Ali Zoma brachte den Club zwischenzeitlich sogar in Führung. Nach sieben Spieltagen ist die Mannschaft von Miroslav Klose ungeschlagen und mit 17 Punkten Zweiter, nur Hertha BSC hat noch keinen Zähler abgegeben. Klose bremst die Aufstiegsfantasien – allerdings nur halbherzig.

Die Berliner wiederum gewannen 2:1 gegen die SpVgg Greuther Fürth und bauten ihren Startrekord aus. Bemerkenswert war die Reaktion danach: Statt Jubel dominierte Selbstkritik, ein Premierentorschütze entschuldigte sich sogar für seine eigene Leistung. Eine Haltung, die zum Wochenende passt – ob in Freiburg, Nürnberg oder Berlin: Wer oben steht, redet lieber über die nächsten Aufgaben als über die Tabelle.

Fest steht: Die noch junge Saison hat bereits ihre ersten Überraschungen geliefert. Ob der SC Freiburg die Spitzenposition über den Herbst retten kann, wird sich in den kommenden Wochen gegen stärkere Gegner zeigen. Den Mut, in Unterzahl auf Sieg zu spielen, hat die Mannschaft jedenfalls schon bewiesen – und mit einem rothaarigen Joker aus Japan einen neuen Publikumsliebling gefunden.

Author: amira-sl1