An diesem Dienstag entscheiden die Vereinigten Staaten über die Zusammensetzung ihres Kongresses – und damit auch darüber, wie viel Spielraum Präsident Donald Trump in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit noch hat. Zur Wahl stehen alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus sowie 35 Sitze im Senat. Die Zwischenwahlen, im amerikanischen Sprachgebrauch „Midterms“ genannt, gelten traditionell als Abstimmung über die Regierung im Weißen Haus. Und selten waren die Vorzeichen für die Partei des Präsidenten so schwierig wie in diesem Jahr.
Schon vor dem eigentlichen Wahltag haben nach Angaben der Nachrichtenagentur AP mehr als 50 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner ihre Stimme abgegeben, per Briefwahl oder in Wahllokalen, die bereits vorab geöffnet hatten. Viele weitere werden an diesem Dienstag in Schulen, Gemeindesälen und Feuerwachen Schlange stehen. Demokraten und überparteiliche Beobachtergruppen haben Zehntausende Freiwillige geschult, um die Abläufe in den Wahllokalen zu verfolgen – aus Sorge, es könne am Wahltag zu Störungen oder Einflussnahme kommen.
Die Ausgangslage ist knapp. Im Repräsentantenhaus halten die Republikaner derzeit 218 Sitze, die Demokraten 214. Für eine Mehrheit braucht es 218 Mandate; den Demokraten genügt nach Berechnungen von NBC News ein Nettogewinn von drei Sitzen. Im Senat ist der Abstand größer: Die Republikaner stellen dort 53 der 100 Senatoren, die Demokraten 47, wobei zwei Unabhängige mit den Demokraten stimmen. Um die Kammer zu übernehmen, müssten die Demokraten unterm Strich vier Sitze hinzugewinnen – und dafür auch in Bundesstaaten siegen, die Trump zuletzt teils deutlich gewonnen hat.
Die Umfragen machen der Opposition Mut. Im Durchschnitt der landesweiten Erhebungen, den der Sender CNN ermittelt, liegen die Demokraten bei der Frage, welche Partei man für den Kongress wählen würde, rund neun Prozentpunkte vorn. Laut Umfragen von New York Times und Siena College führen sie zudem in fünf wichtigen Senatsrennen. Strategen beider Parteien gehen davon aus, dass die Demokraten das Repräsentantenhaus zurückerobern könnten. Offen ist vor allem, wie deutlich das ausfällt – und ob auch der Senat kippt.
Wo die Wahl entschieden wird
Für den Senat richtet sich der Blick auf eine überschaubare Zahl von Bundesstaaten. Das unabhängige Analysehaus Cook Political Report stufte zuletzt die Rennen in Alaska, Iowa, Kansas, Maine, Michigan, Ohio und Texas als völlig offen ein. Bemerkenswert: Von diesen sieben Sitzen wird nur einer, Michigan, bisher von einem Demokraten gehalten. Die übrigen sechs müssen die Republikaner verteidigen, darunter Staaten, die lange als sichere Hochburgen galten. In Alaska etwa tritt die frühere Abgeordnete Mary Peltola an, in Texas und Iowa sind die Sitze ohne Amtsinhaber neu zu vergeben. Auch Bundesstaaten wie South Carolina, Nebraska oder Florida werden von Wahlanalysten als umkämpft genannt, wenn auch mit leichten Vorteilen für die Republikaner.
Im Repräsentantenhaus ist das Bild zersplitterter. Die Republikaner haben in mehreren Bundesstaaten Wahlkreise neu zugeschnitten, was die Zahl wirklich offener Bezirke verringert hat. Trotzdem sieht der Cook Political Report die Demokraten in 220 Wahlkreisen im Vorteil, 17 gelten als Tossup, weitere 30 als potenziell umkämpft mit leichter republikanischer Neigung. Eine Analyse des Senders NPR zählte rund 70 Bezirke, in denen beide Parteien in den letzten Tagen jeweils mindestens sechsstellige Summen in Werbung gesteckt haben. Am teuersten sind demnach der 7. Wahlkreis in Michigan und der 1. Wahlkreis in North Carolina mit jeweils mehr als zwölf Millionen Dollar an geplanten Ausgaben. Auch Bezirke in Florida, New York, Iowa, Pennsylvania und Virginia stehen weit oben auf den Beobachtungslisten.
Inhaltlich dominieren zwei Themen den Wahlkampf: die hohen Lebenshaltungskosten und der Konflikt mit dem Iran. Analysten verweisen darauf, dass der Krieg, die Preise und die niedrigen Zustimmungswerte des Präsidenten den Senat überhaupt erst ins Spiel gebracht haben. Wie präsent die Außenpolitik ist, zeigte sich noch am Vorabend der Wahl: Das US-Militär flog nach Angaben von Regierungsvertretern begrenzte Angriffe auf die iranische Insel Qeshm, die Washington als reine Verteidigungsmaßnahme zum Schutz amerikanischer Einheiten darstellte. Parallel betonte Vizepräsident JD Vance, man mache in Gesprächen mit Teheran „Fortschritte“.
Auch juristisch gab es kurz vor dem Wahltag Bewegung. Der Oberste Gerichtshof der USA wies einen Eilantrag der Trump-Regierung ab, mehr als 20.000 umstrittene Briefwahlstimmen aus Kalifornien gesondert zu behandeln. Damit bleiben die Abläufe in dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat unverändert – ein Signal, dass die Stimmen wie vorgesehen gezählt werden sollen.
Für Beobachter in Europa beginnt die Wahlnacht spät. Die ersten Wahllokale schließen um 18 Uhr Ostküstenzeit in Teilen von Indiana und Kentucky – das ist Mitternacht in Deutschland. Ab 19 Uhr Ostküstenzeit, also 1 Uhr deutscher Zeit, folgen unter anderem Georgia, South Carolina und Vermont sowie große Teile Floridas, das als besonders schnell zählender Bundesstaat früh aussagekräftige Ergebnisse liefern dürfte. Zwischen 19 und 21 Uhr Ostküstenzeit schließt ein Großteil des Landes, danach folgen die westlichen Staaten. Die letzten Lokale auf den Aleuten in Alaska machen erst um 1 Uhr Ostküstenzeit zu – in Deutschland ist es dann bereits 7 Uhr am Mittwochmorgen.
Ob am Mittwochmorgen schon feststeht, wer den Kongress kontrolliert, ist ungewiss. In knappen Rennen kann die Auszählung von Briefwahlstimmen Tage dauern, besonders in Bundesstaaten im Westen. Klar ist aber: Gewinnen die Demokraten auch nur eine der beiden Kammern, könnten sie Gesetzesvorhaben des Präsidenten blockieren, eigene Untersuchungsausschüsse einsetzen und beim Haushalt deutlich mitreden. Behalten die Republikaner beide Kammern, hätte Trump für die verbleibenden zwei Jahre weiterhin einen Kongress an seiner Seite.
Für viele Wählerinnen und Wähler geht es an diesem Tag allerdings weniger um Machtarithmetik als um den eigenen Alltag: um Mieten, Benzin- und Lebensmittelpreise, um die Sorge vor einem größeren Krieg im Nahen Osten. Die Wahlbeteiligung dürfte deshalb ein entscheidender Faktor werden. Die hohe Zahl früher Stimmen deutet auf großes Interesse hin. Welche Seite davon profitiert, zeigt sich erst, wenn in der Nacht die Ergebnisse aus Florida, Georgia und dem Mittleren Westen eintreffen.
Fest steht nur: Die Zwischenwahl 2026 wird weit über die USA hinaus beobachtet – in Kiew, Teheran, Brüssel und Berlin. Denn wer im Kapitol die Mehrheit hat, bestimmt mit, wie viel Rückhalt die amerikanische Außenpolitik in den kommenden zwei Jahren zu Hause findet.
