Sechzehn Minuten Stille: Novi Sad gedenkt der Opfer – und Serbien wartet weiter auf Gerechtigkeit

Sechzehn Minuten Stille: Novi Sad gedenkt der Opfer – und Serbien wartet weiter auf Gerechtigkeit

Um 11:52 Uhr wurde es still in Novi Sad. Exakt zu jener Minute, in der am 1. November 2024 das Betonvordach des Hauptbahnhofs einstürzte, hielten am Sonntag Zehntausende Menschen vor dem Gebäude inne. Sechzehn Minuten lang sprach niemand – eine Minute für jedes Todesopfer. Danach legten sie Kränze, Blumen und Kerzen nieder. Die Studierenden, die zu dem Gedenken aufgerufen hatten, brachten sechzehn Kränze und sechzehn rote Herzen mit, auf denen die Namen der Toten standen. Unter ihnen waren auch Kinder.

Es war der zweite Jahrestag einer Katastrophe, die Serbien verändert hat wie kaum ein Ereignis der vergangenen Jahrzehnte. Und es war der erste Jahrestag, an dem Aleksandar Vučić nicht mehr an der Macht ist. Nur eine Woche zuvor hatte eine aus der Protestbewegung hervorgegangene Liste die Parlamentswahl gewonnen. Die Trauer in Novi Sad war deshalb an diesem Sonntag auch von einem anderen Gefühl begleitet: der vorsichtigen Hoffnung, dass aus dem Schmerz tatsächlich etwas Neues entstehen kann.

Schon am Vormittag hatten sich die Menschen an drei Treffpunkten der Stadt gesammelt – an der Medizinischen Fakultät, im Liman-Park und an der Zufahrt zur Varadin-Brücke. Gegen zehn Uhr setzten sich die Züge in Bewegung, vereinigten sich am Futoger Markt und zogen gemeinsam zum Bahnhof. Mehrere Chöre sangen das Lied „Cveta trešnja“, es wurden Gedichte von Branko Miljković und Aleksa Šantić vorgetragen. Auch in Belgrad wurde der Opfer gedacht: Patriarch Porfirije, das Oberhaupt der Serbisch-Orthodoxen Kirche, hielt in der Kirche des Heiligen Sava einen Gedenkgottesdienst.

Eine Studentin brachte in ihrer Rede auf den Punkt, worum es der Bewegung von Anfang an ging. Das Wort Tragödie beschreibe nicht angemessen, was geschehen sei, sagte sie sinngemäß. Eine Tragödie klinge nach einem Unglück, nach etwas Unvorhersehbarem. Hinter diesem Wort verberge sich aber der Begriff, nach dem alle suchten: Verantwortung. Die Studierenden, so versprach sie, würden ihre Forderung danach nicht aufgeben.

Vom Trauerort zur größten Protestbewegung des Landes

Um zu verstehen, warum dieser Jahrestag so viel Gewicht hat, muss man zwei Jahre zurückblicken. Der Bahnhof von Novi Sad war im Rahmen eines von China unterstützten Schnellbahnprojekts renoviert worden. Kurz vor Mittag stürzte das massive Vordach auf Menschen, die dort warteten oder vorbeigingen. Vierzehn starben sofort, zwei weitere erlagen später ihren Verletzungen. Für viele Serbinnen und Serben war das Unglück kein Zufall, sondern Ausdruck von Korruption und Nachlässigkeit in einem System, das große Bauprojekte als Prestige feierte, aber bei der Sicherheit sparte.

Aus der Wut wurde eine Bewegung. Studierende blockierten ihre Fakultäten, im ganzen Land versammelten sich Menschen jeden Tag um 11:52 Uhr zu stillen Gedenkminuten. Die Proteste wuchsen zu den größten, die Serbien seit Langem erlebt hatte. Sie erzwangen Rücktritte – darunter den des Bauministers –, eine Regierungsumbildung und schließlich vorgezogene Neuwahlen. Was als Trauer begann, wurde zu einer politischen Kraft, die niemand mehr ignorieren konnte.

Am 25. Oktober kam die Entscheidung an der Wahlurne. Die sogenannte Studentische Liste, ein Bündnis aus Akademikern, Fachleuten, Landwirten, Schauspielern und Aktivisten, deren Kandidaten von studentischen Versammlungen ausgewählt worden waren, gewann nach vorläufiger Auszählung 141 der 250 Sitze im Parlament – eine absolute Mehrheit. Vučić, dessen Amtszeit als Präsident auslief und der als Spitzenkandidat seiner Partei SNS für das Amt des Ministerpräsidenten angetreten war, räumte die Niederlage ein und verließ sein Amt. Das Endergebnis soll in den kommenden Tagen feststehen; dass es am Ausgang noch etwas ändert, gilt als unwahrscheinlich. Eine Präsidentenwahl wird noch vor Jahresende erwartet.

Bei der Gedenkfeier in Novi Sad waren auch Vertreter dieser neuen politischen Kraft anwesend, darunter Radomir Saičić, Ilija Srdanović, Mihailo Dudaš und Dragan Jovanović, ebenso der Schauspieler Tihomir Stanić. Sie standen jedoch nicht im Mittelpunkt. Das Gedenken blieb, wie die Bewegung es seit zwei Jahren hält, eine Angelegenheit der Bürgerinnen und Bürger – ohne Parteifahnen, ohne große Inszenierung.

Die Stimmen der Menschen vor Ort zeigten, wie sehr die Ereignisse persönlich nachwirken. Eine Unterstützerin der Studierenden sagte, sie hoffe auf eine kollektive Heilung – persönlich, emotional und gesellschaftlich. Eine 32-jährige Wissenschaftlerin aus Novi Sad formulierte eine Lehre, die über Serbien hinausreicht: Man solle nicht jahrelang warten, um zu ändern, was schlecht ist, vor allem dann nicht, wenn es Menschenleben kostet.

Die juristische Aufarbeitung ist dagegen bis heute nicht vorangekommen. Die Staatsanwaltschaft hat zwar 13 Personen im Zusammenhang mit dem Einsturz angeklagt, doch das Vorverfahren steckt fest. Die Beschuldigten weisen jedes Fehlverhalten zurück. Ein Prozess hat zwei Jahre nach dem Unglück noch nicht begonnen. Genau hier liegt die Erwartung, die nun auf der neuen Mehrheit lastet: Die Studierenden fordern, dass die ins Stocken geratenen Ermittlungen überprüft werden und die Verantwortlichen tatsächlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Für die künftige Regierung ist das eine doppelte Herausforderung. Einerseits verdankt sie ihren Aufstieg dem Versprechen von Transparenz und Rechtsstaatlichkeit. Andererseits kann und darf eine Regierung Gerichtsverfahren nicht nach Belieben beschleunigen, ohne genau jene Unabhängigkeit der Justiz zu beschädigen, die die Bewegung eingefordert hat. Wie sie diesen Spagat meistert, wird zu einem ersten großen Prüfstein werden.

Hinzu kommt die außenpolitische Dimension. Der Bahnhof war Teil eines Infrastrukturprojekts mit chinesischer Beteiligung, und Serbien hat seine Außenpolitik über Jahre zwischen Brüssel, Moskau und Peking austariert. Welche Linie eine Regierung einschlägt, die aus einer Bewegung gegen Korruption und Intransparenz hervorgegangen ist, werden Beobachter in der Europäischen Union und darüber hinaus genau verfolgen. Fest steht nur: Die Frage, wie große Bauprojekte vergeben, kontrolliert und abgenommen werden, wird in Serbien künftig anders gestellt werden als zuvor.

Am Sonntag aber ging es in Novi Sad weniger um Koalitionen und Außenpolitik als um sechzehn Namen. Den ganzen Tag über kamen Menschen zum Bahnhof, legten Blumen ab und zündeten Kerzen an. Viele weinten. Der Patriarch erinnerte in Belgrad daran, dass alle eine gewisse Verantwortung trügen, manche jedoch auf andere Weise als andere. Es war ein Satz, der an diesem Tag in beide Richtungen verstanden werden konnte – als Mahnung zur Versöhnung und als Hinweis darauf, dass die Frage nach der Schuld noch immer offen ist.

Zwei Jahre nach dem Einsturz hat Serbien eine neue politische Mehrheit, aber noch kein Urteil. Die Menschen in Novi Sad haben gezeigt, dass sie nicht vergessen. Die neue Regierung wird nun zeigen müssen, dass sie das Versprechen einlöst, mit dem alles begann: dass so etwas nie wieder geschehen darf – und dass die Verantwortlichen benannt werden.

Author: amira-sl1