Manche Derbys entscheiden sich in der Schlussphase, manche erst im Elfmeterpunkt-Drama der Nachspielzeit. Das 3:1 des AC Mailand gegen Inter am Samstagabend gehörte zu einer anderen Sorte: Diese Mailänder Stracittadina war nach 43 Minuten im Grunde erzählt. Im Stadio Giuseppe Meazza, das sich beide Klubs teilen, spielte Milan eine erste Halbzeit, wie man sie in einem Stadtduell nur selten sieht – schnell, mutig, eiskalt im Abschluss. Inter dagegen, das als Tabellenführer angereist war, verließ den Platz als Zweiter.
Die Ausgangslage hatte das Spiel zusätzlich aufgeladen. Inter, Lazio und die Roma waren vor diesem Wochenende die drei Mannschaften, die in der Serie A noch keine Niederlage kassiert hatten. Inter stand ganz oben, Milan lauerte im Verfolgerfeld. Wer die Nerazzurri an diesem Abend schlagen wollte, musste mehr tun, als nur kompakt zu stehen. Milan entschied sich für die mutige Variante – und wurde dafür früh belohnt.
Zehn Minuten, zwei Tore und ein Mann namens Moreira
Gerade einmal vier Minuten waren gespielt, als Christian Pulisic völlig frei im Strafraum stand und eine Flanke von Diego Moreira per Kopf ins Netz beförderte. Für den US-Amerikaner war es bereits das vierte Tor in einem Mailänder Derby – eine bemerkenswerte Bilanz für einen Spieler, der in diesen Duellen offenbar immer genau weiß, wo er stehen muss. Inters Abwehr wirkte in dieser Szene seltsam unsortiert, als habe sie den Anpfiff noch nicht ganz verarbeitet.
Sechs Minuten später folgte der Moment, über den in Mailand wohl noch lange gesprochen wird. Wieder war Moreira beteiligt: Der belgische Mittelfeldspieler führte eine Ecke kurz aus und spielte den Ball zu Adrien Rabiot, der ebenfalls ungedeckt war. Der Franzose nahm den Ball direkt und chippte ihn mit einer Leichtigkeit, die eher an einen Trainingsscherz erinnerte, an den Innenpfosten des langen Ecks – von dort sprang er ins Tor. 2:0 nach zehn Minuten. Auf der Tribüne saß Milan-Legende Kaká, und er reagierte so, wie viele Zuschauer empfunden haben dürften: Mit einer Geste deutete er an, er brauche unbedingt das Rezept für diesen Treffer.
Moreira hatte damit beide Tore vorbereitet, und er war noch längst nicht fertig. Der frühere Chelsea-Spieler, der dort als Schienenspieler auf der Außenbahn eingesetzt worden war, prägte die erste Halbzeit wie kaum ein anderer. Er tauchte auf beiden Flügeln auf, suchte immer wieder den direkten Weg und brachte Inters Defensive mit seinem Tempo regelmäßig in Verlegenheit.
Inter war allerdings keineswegs geschlagen. Nach 22 Minuten verkürzte Alessandro Bastoni auf 1:2, und plötzlich kippte die Partie. Die Gäste übernahmen mehr Ballbesitz, drückten Milan phasenweise in die eigene Hälfte und erspielten sich gute Gelegenheiten. Dass es nicht zum Ausgleich kam, lag vor allem an einem Mann: Milans Torhüter Mike Maignan. Er parierte gegen Djed Spence, den früheren Außenverteidiger von Tottenham, der an diesem Abend sein erstes Spiel von Beginn an in der Serie A bestritt. Auch Versuche von Hakan Çalhanoğlu, Andy Diouf und Petar Sučić wehrte Maignan noch vor der Pause ab. Jede dieser Paraden war ein kleiner Wendepunkt – ein Gegentor in dieser Phase hätte das Derby vollkommen anders verlaufen lassen können.
Stattdessen schlug Milan erneut zu, und wieder hieß der Hauptdarsteller Moreira. In der 43. Minute trat er zu einem direkten Freistoß an und verwandelte ihn zum 3:1. Zwei Vorlagen und ein Tor in einer Halbzeit – für einen Spieler in seinem ersten großen Mailänder Derby ist das ein Auftritt, der in Erinnerung bleibt. Es war zugleich die bittere Quittung für Inter: Die Mannschaft hatte ihre Chancen gehabt, sie aber nicht genutzt, und Milan bestrafte das prompt.
Die zweite Halbzeit verlief deutlich weniger spektakulär. Weitere Tore fielen nicht, Milan verwaltete den Vorsprung, ohne sich ganz zurückzuziehen, und Inter fand kein Mittel mehr, die Partie noch einmal zu drehen. Für die größte Aufregung sorgte eine Szene in der Schlussphase: Inter bekam einen Elfmeter zugesprochen, doch nach Überprüfung durch den Videoassistenten wurde die Entscheidung zurückgenommen. Damit war auch die letzte Hoffnung der Nerazzurri auf ein spätes Comeback dahin.
Die Folgen für die Tabelle sind spürbar. Inter, das als Spitzenreiter in den Abend gegangen war, rutschte auf Rang zwei ab und liegt nun punktgleich hinter Lazio, das die bessere Tordifferenz hat. Die erste Saisonniederlage ist für die Mannschaft ein Dämpfer, aber keine Katastrophe – die Saison ist noch jung, und der Abstand an der Spitze bleibt gering. Milan wiederum kletterte mit den drei Punkten auf Platz vier und zog damit an Como vorbei, das an diesem Wochenende allerdings noch nicht gespielt hatte.
Was bleibt von diesem Abend? Zum einen die Erkenntnis, dass Milan in großen Spielen mit klarer Idee auftreten kann. Der frühe Druck, die Variante bei der kurz ausgeführten Ecke, die Effizienz vor dem Tor – all das wirkte vorbereitet und nicht zufällig. Zum anderen zeigte die Partie, wie wichtig ein Torhüter in Topform ist. Ohne Maignans Paraden in der Drangphase der Gäste hätte das Spiel leicht kippen können.
Und schließlich hat die Serie A womöglich einen neuen Publikumsliebling gefunden. Diego Moreira war an allen drei Toren seiner Mannschaft beteiligt und verkörperte an diesem Abend genau das, was ein Derby so besonders macht: Mut, Kreativität und den Willen, den entscheidenden Unterschied zu machen. Für die Fans in Rot und Schwarz war es ein Abend zum Feiern – für die blau-schwarze Hälfte der Stadt einer, den man möglichst schnell vergessen möchte. Bis zum nächsten Derby, wenn alles wieder von vorne beginnt.
Für Inter geht es nun darum, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Mannschaft hat bewiesen, dass sie auch nach einem frühen Rückstand zurückkommen und Druck aufbauen kann. Was ihr an diesem Abend fehlte, war die Präzision im letzten Drittel – und ein wenig Glück. Milan dagegen darf sich bestätigt fühlen: Wer den Tabellenführer im eigenen Stadtduell so entschlossen bezwingt, meldet zumindest leise Ansprüche an. Ob daraus eine echte Titeljagd wird, werden die kommenden Wochen zeigen. Für den Moment gehört Mailand den Rossoneri.
