EU-Gipfel in Brüssel: Merz fordert Kürzungen am Haushalt bis 2034

EU-Gipfel in Brüssel: Merz fordert Kürzungen am Haushalt bis 2034

In Brüssel beginnt heute ein zweitägiger EU-Gipfel, der weit über die übliche Tagesordnung hinausreicht. Zum ersten Mal seit längerer Zeit nehmen sich die Staats- und Regierungschefs der 27 Mitgliedstaaten zwei volle Tage Zeit – und ganz oben steht der Streit um den nächsten mehrjährigen Finanzrahmen. Es geht um den Haushalt für die Jahre 2028 bis 2034, um Summen in der Größenordnung von fast zwei Billionen Euro und um die Frage, wie viel Solidarität die Union sich leisten will und kann. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) reist mit einer klaren Botschaft an: Der Vorschlag der EU-Kommission sei zu teuer, der Kompromiss der irischen Ratspräsidentschaft reiche nicht, Deutschland als größter Nettozahler fordere spürbare Kürzungen.

Deutschland trägt rund ein Fünftel des EU-Haushalts. Nach Schätzungen aus Berliner Regierungskreisen überweist die Bundesrepublik derzeit etwa 40 Milliarden Euro pro Jahr nach Brüssel; nach dem irischen Vorschlag könnten es mehr als 60 Milliarden werden. Genau das will Merz verhindern. Schon vor dem Gipfel wies er den irischen Kompromiss zurück, der den Kommissionsentwurf um rund 159 Milliarden Euro auf etwa 1,826 Billionen Euro für sieben Jahre absenkt. Nettozahler wie die Niederlande, Schweden und Österreich verlangen zusammen mit Berlin Einschnitte von mehreren hundert Milliarden Euro. Merz formulierte es nüchtern: Die Mittel seien begrenzt, der aktuelle Vorschlag müsse in allen Bereichen noch einmal eingegrenzt werden.

Gleichzeitig betont der Kanzler, dass ein Scheitern der Verhandlungen für Deutschland finanziell zwar die günstigste Variante wäre – weil dann der letzte Jahresetat der alten Periode fortgeschrieben würde –, aber politisch nicht gewollt sei. Ohne neuen Finanzrahmen leide die Handlungsfähigkeit Europas. Genau diese Doppelbotschaft macht die Verhandlung so heikel: Merz will kürzen, aber nicht blockieren. EVP-Chef Manfred Weber warnt derweil vor den Folgen eines Scheiterns und hält eine Erhöhung grundsätzlich für richtig. Unions-Europapolitiker Tilman Kuban stellt sich hinter die harte Linie des Kanzlers und verlangt Prioritäten statt eines immer größeren Haushalts.

Mehr als nur Zahlen – Ukraine, China und die Handlungsfähigkeit Europas

Der Haushaltsstreit steht nicht isoliert da. Auf dem Herbstgipfel geht es auch um die weitere Unterstützung der Ukraine und um das schwierige Verhältnis zu China. Beides kostet Geld und politische Energie. Wer den Etat radikal stutzt, muss erklären, wie Verteidigung, Grenzschutz, Forschung und Kohäsion gleichzeitig gestärkt werden sollen. Wer den Etat stark ausweitet, muss den Wählerinnen und Wählern daheim erklären, warum nationale Spardebatten und höhere Überweisungen nach Brüssel zusammenpassen. Merz steht unter innenpolitischem Druck: Reformen stocken, die Koalition wackelt, der nationale Haushalt ist angespannt. Eine große Aufstockung der EU-Zahlungen würde er kaum verkaufen können – und könnte, so die Sorge in Berlin, EU-kritischen Parteien Auftrieb geben.

Der irische Ratsvorsitz hat versucht, eine Brücke zu bauen: leichte Kürzungen gegenüber dem Kommissionsentwurf, aber immer noch ein Volumen nahe der Zwei-Billionen-Marke. Für Empfängerländer in Mittel- und Osteuropa sowie für jene, die auf Agrar- und Strukturmittel angewiesen sind, wirkt selbst diese Linie schon wie ein Einschnitt. Für die Nettozahler bleibt sie zu teuer. So trifft im Ratssaal die alte Logik der EU aufeinander: Interessensausgleich zwischen Zahlern und Empfängern, zwischen Kommission, Parlament und Mitgliedstaaten. Ein Gipfel legt selten den finalen Finanzrahmen fest; oft markiert er nur, wo die Fronten verhärtet sind. Doch wenn Merz den irischen Vorschlag offen als inakzeptabel einstuft, steigt der Druck, entweder nachzubessern oder einen längeren Verhandlungsmarathon in Kauf zu nehmen.

Was auf dem Spiel steht, ist mehr als eine Excel-Tabelle. Der mehrjährige Finanzrahmen steuert sieben Jahre europäischer Politik. Er entscheidet mit darüber, wie glaubwürdig die Union Ukraine-Hilfen, Energieunabhängigkeit und industrielle Souveränität finanzieren kann. Ein Vertrauensverlust an den Märkten oder ein jahrelanges Provisorium ohne neuen Rahmen würden genau jene Handlungsfähigkeit treffen, die Merz eigentlich erhalten will. Umgekehrt könnte ein zu ambitionierter Etat in den Nettozahlerstaaten den innenpolitischen Rückhalt für Europa schwächen.

Heute Nachmittag dürfte der Geldstreit den Ton setzen. Ob am Freitagabend schon ein belastbarer Kompromiss steht, gilt als offen. Sicher ist nur: Der Gipfel in Brüssel wird nicht an den Zahlen allein gemessen. Er wird daran gemessen, ob Europa zeigt, dass es unter Knappheit Prioritäten setzen und trotzdem handlungsfähig bleiben kann – oder ob der Streit um den Haushalt 2028–2034 zum Symbol einer Union wird, die sich über ihre eigene Größe uneinig ist.

Beobachter in Brüssel rechnen damit, dass heute Nachmittag zunächst Positionen ausgetauscht und erst am Freitag richtig um Formulierungen gerungen wird. Ein Gipfel-Schlussdokument könnte die Streitlinien nur umreißen und die technischen Nachverhandlungen an die Finanzminister und die ständigen Vertreter verwiesen. Für Merz wäre schon ein Signal wertvoll, dass die Kommission und die Ratspräsidentschaft den Druck der Nettozahler ernst nehmen. Für die Empfängerländer wäre jedes weitere Absinken unter die irische Linie ein Alarmzeichen. Zwischen diesen Polen muss die Verhandlung landen – oder sie verschiebt den Konflikt nur auf den nächsten Ratstermin.

Historisch sind EU-Haushaltsverhandlungen oft zäh und emotional. Agrarpolitik, Kohäsion, Forschung und neuerdings Verteidigungs- und Migrationsausgaben konkurrieren um denselben Topf. Wer Kürzungen fordert, muss sagen, welche Programme schrumpfen sollen; wer Aufwuchs will, muss erklären, wer zahlt. Merz hat bewusst die Narrative gewählt, dass Deutschland jeden Euro zweimal umdreht, während Brüssel wächst. Ob diese Zuspitzung Verhandlungsmasse schafft oder Fronten verhärtet, zeigt sich in den kommenden Stunden. Klar ist: Der Herbstgipfel 2026 wird als Testfall für die Glaubwürdigkeit europäischer Finanzpolitik unter Knappheit in Erinnerung bleiben – unabhängig davon, ob am Freitagabend schon Zahlen stehen oder nur eine weitere Verhandlungsrunde vereinbart wird.

Auch die Timing-Frage spielt eine Rolle. Je länger der neue Rahmen ausbleibt, desto länger gilt das Provisorium der alten Periode – mit allen Unsicherheiten für Programme, die Planungssicherheit brauchen. Unternehmen, Forschungsverbünde und Kommunen, die auf EU-Mittel setzen, beobachten den Gipfel deshalb nicht nur politisch, sondern ganz praktisch. Ein zügiger, wenn auch schmerzhafter Kompromiss könnte am Ende mehr Vertrauen schaffen als ein langes Ringen ohne Ergebnis. Genau deshalb ist Merz’ Linie riskant und kalkuliert zugleich: Er erhöht den Druck, ohne das Ziel eines handlungsfähigen Europas aufzugeben.

Am Ende des Tages zählt nicht nur die Summe auf dem Papier, sondern ob die 27 Staaten noch denselben Kompass teilen: ein Europa, das zahlen kann, ohne seine Handlungsfähigkeit zu verlieren.

Author: amira-sl1