Wochen der Wahrheit: Bundesliga trifft in der Champions League auf die Großen

Wochen der Wahrheit: Bundesliga trifft in der Champions League auf die Großen

Für die Bundesliga beginnt in dieser Woche die Phase der Wahrheit in der Champions League. Zum ersten Mal in der laufenden Saison bekommen es deutsche Klubs mit Gegnern aus dem ersten Lostopf zu tun – und das gleich dreifach. Den Auftakt macht am Dienstagabend der VfB Stuttgart, der um 21 Uhr Atlético Madrid empfängt. Am Mittwoch folgen der FC Bayern gegen den FC Arsenal und RB Leipzig mit der schweren Reise zu Real Madrid. Borussia Dortmund spielt bereits am Dienstag um 18.45 Uhr bei Neuling Sabah FK in Baku, also gegen einen Außenseiter – unterschätzen sollte man den Gegner trotzdem nicht.

Ein Blick auf die Statistik verrät, wie hoch die Hürden sind. Seit die Königsklasse im neuen Ligaformat ausgetragen wird, sieht die Bilanz der Bundesligisten gegen die nominell stärksten Teams überwiegend düster aus. Borussia Dortmund verlor alle vier bisherigen Duelle mit 5:14 Toren. RB Leipzig, Eintracht Frankfurt und auch der VfB Stuttgart gingen in ihren jeweils zwei Spielen leer aus. Nur zwei deutsche Vereine schafften überhaupt Siege: Bayer Leverkusen, das zuletzt sensationell 2:0 bei Manchester City gewann und ein Jahr zuvor Inter Mailand schlug, und der FC Bayern.

Die Münchner sind dabei die große Ausnahme. Aus vier Spielen gegen Topf-eins-Teams holten sie neun Punkte, drei Siege stehen nur einer Niederlage gegenüber – dem deutlichen 1:4 beim FC Barcelona. In der vergangenen Saison schlug die Mannschaft den FC Chelsea 3:1 und gewann 2:1 bei Paris Saint-Germain. Genau solche Ergebnisse waren es, die den Bayern am Ende den direkten Weg ins Achtelfinale ebneten. Bemerkenswert: Bislang schafften nur die beiden deutschen Klubs, die gegen einen Großen gewonnen hatten, den Sprung unter die besten acht.

Stuttgart vor dem Härtetest, Dortmund am Kaspischen Meer

Am meisten steht an diesem Dienstag für den VfB Stuttgart auf dem Spiel. Die Schwaben sind die Überraschung der ersten beiden Spieltage: Nach dem 3:1 gegen Viking Stavanger und dem 3:0 gegen Slovan Bratislava stehen sie mit sechs Punkten sogar vor dem FC Bayern – als bester deutscher Klub im Wettbewerb. Kurios dabei: In der Bundesliga reichen dieselben sechs Punkte nur für Rang 13. Europa scheint der Mannschaft derzeit deutlich besser zu liegen als der Alltag.

Mit Atlético kommt nun ein Gegner, der für Körperlichkeit, Disziplin und Leidensfähigkeit steht. Die Madrilenen sind aktuell Zweiter in Spanien, und ihr Trainer ist längst eine Legende: Diego Simeone, 56 Jahre alt, sitzt seit Januar 2012 auf der Bank der Rojiblancos. Zwei Meistertitel hat er mit dem Klub gewonnen, zweimal stand er im Finale der Champions League – und verlor beide Male gegen den Stadtrivalen Real. Besonders reizvoll für Atlético: Das diesjährige Endspiel findet im eigenen Estadio Metropolitano statt. Ein größerer Antrieb ist kaum vorstellbar.

Auf der anderen Seite steht Sebastian Hoeneß, 44 Jahre alt und eher der ruhige, analytische Gegenentwurf zum temperamentvollen Argentinier. Der VfB-Coach hat die Stuttgarter in dreieinhalb Jahren vom Beinahe-Absteiger zu einem Spitzenteam und 2025 zum Pokalsieger geformt. Vor dem Duell zollte er Simeone ausdrücklich Respekt und lobte dessen Feuer und Leidenschaft, die über die Jahre nicht weniger geworden seien. Zugleich gab er seiner Mannschaft eine klare Marschroute mit: dagegenhalten, aber einen kühlen Kopf bewahren. Wer sich gegen Atlético nur emotional aufheizt, verliert schnell die Kontrolle über das Spiel.

Sportvorstand Fabian Wohlgemuth rechnet mit viel Athletik und harten Zweikämpfen. Die Erinnerung an das Aus im Europa-League-Achtelfinale gegen den FC Porto im Frühjahr ist noch frisch – damals fehlte nach Ansicht der eigenen Spieler eine gewisse Abgebrühtheit. Ob der VfB daraus gelernt hat, wird sich nun zeigen. Mut macht ein Erfolg aus dem Oktober 2024: Damals gewannen die Stuttgarter unter Hoeneß mit 1:0 bei Juventus Turin. Gegen ein Team aus Topf eins in der Ligaphase gelang dagegen noch nie ein Punktgewinn – nach dem 1:3 bei Real Madrid und dem 1:4 gegen Paris Saint-Germain wäre ein Erfolg gegen Atlético also eine Premiere.

Ganz andere Sorgen hat Borussia Dortmund. Nach der 0:1-Niederlage bei Bodø/Glimt am zweiten Spieltag braucht die Mannschaft von Niko Kovac dringend Punkte. Der Gegner Sabah FK ist erst 2017 gegründet worden und stammt aus Masazir nahe der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Hinter dem rasanten Aufstieg steckt eine Unternehmensgruppe aus Bau, Immobilien und Handel – und eine datengetriebene Transferpolitik. Trainer Valdas Dambrauskas, ein Litauer, der seine Trainerausbildung einst mit einer Teilnahme an einer Quizshow finanzierte, führte das Team in der Vorsaison zum Double. Sein Motto klingt nach Spektakel: Am liebsten gewinnt er 4:3.

In der Champions League verlor Sabah zum Auftakt 0:4 bei Manchester United, holte dann aber mit einem 2:0 gegen Slavia Prag die ersten Punkte der Vereinsgeschichte. Ein Gesicht des Teams ist Mittelstürmer Joy-Lance Mickels. Der 32-Jährige wurde in Siegburg geboren, lernte das Fußballspielen in der Jugend von Borussia Mönchengladbach und wäre nach der Insolvenz seines damaligen Vereins beinahe bei der Feuerwehr gelandet. Heute ist er ruandischer Nationalspieler, war Torschützenkönig in Aserbaidschan und traf gegen Prag erstmals in der Königsklasse. Für ihn ist das Duell mit dem BVB ein persönlicher Höhepunkt.

Für Dortmund ist Baku kein unbekanntes Terrain. Bereits 2010 unter Jürgen Klopp und 2015 mit einem Dreierpack von Pierre-Emerick Aubameyang gewann der BVB dort in der Europa League. Diesmal geht es im modernen, komplett überdachten Olympiastadion um mehr als Prestige: Nur mit einem Sieg bleibt die Borussia im Rennen um die vorderen Plätze.

Warum diese Spiele so wichtig sind, zeigt der Modus. Nach dem achten Spieltag am 27. Januar ziehen die besten acht Teams direkt ins Achtelfinale ein, die Ränge neun bis 24 gehen in die Playoffs, der Rest scheidet aus. Wer gegen die Großen punktet, verschafft sich also ein komfortables Polster. Auch für die kommenden Wochen stehen weitere Schwergewichte an: Die Bayern müssen am vierten Spieltag zu Atlético, Leipzig empfängt Manchester City, Dortmund trifft auf Arsenal und Inter Mailand, Stuttgart reist nach Mailand. Für die Bundesliga beginnt damit eine Serie, die über den Ruf der Liga in Europa entscheiden könnte – und diese Woche liefert den ersten Fingerzeig.

Author: amira-sl1