Zverev ist die Nummer eins der Welt: Erster Deutscher an der Spitze seit Boris Becker

Zverev ist die Nummer eins der Welt: Erster Deutscher an der Spitze seit Boris Becker

Es ist ein Satz, auf den das deutsche Tennis mehr als drei Jahrzehnte gewartet hat: Alexander Zverev ist die Nummer eins der Welt. Mit einem 6:4, 7:5 gegen den Niederländer Tallon Griekspoor beim ATP-500-Turnier in Wien hat der 29-Jährige am Donnerstagabend den Viertelfinaleinzug perfekt gemacht – und damit auch den Sprung an die Spitze der Weltrangliste. Wenn die neue Rangliste am Montag, dem 2. November, veröffentlicht wird, steht sein Name ganz oben. Er löst den Italiener Jannik Sinner ab.

Zverev ist damit erst der zweite deutsche Profi, der die Weltrangliste anführt. Der erste war Boris Becker im Jahr 1991. Insgesamt wird der Hamburger der 30. Spieler, der seit Einführung der Computerrangliste im Jahr 1973 diesen Platz erreicht. Und er schafft es in einem Alter, in dem viele Kollegen ihre besten Jahre schon hinter sich wähnen: Mit 29 Jahren und sechs Monaten ist er laut ATP der zweitälteste Spieler, der erstmals an die Spitze klettert. Nur der Australier John Newcombe war 1974 mit 30 Jahren noch älter.

Dass Zverev das Jahr als Nummer eins beenden würde, stand bereits seit dem 12. Oktober fest, als Carlos Alcaraz in Shanghai ausgeschieden war. Wegen der Punkte, die aus dem Vorjahr aus der Wertung fallen, konnte Zverev Sinner aber frühestens am 2. November überholen. Der Sieg gegen Griekspoor war damit der letzte nötige Schritt – und Zverev ging ihn mit bemerkenswerter Ruhe.

In der mit 9.800 Fans ausverkauften Wiener Stadthalle nahm er Griekspoor gleich im ersten Spiel den Aufschlag ab und ließ bei eigenem Service kaum etwas zu. Nach 40 Minuten holte er sich den ersten Satz mit einem Ass. Im zweiten Durchgang wurde es enger, doch beim Stand von 5:5 nutzte Zverev seine Chance zum Break. Am Ende standen elf Asse und 90 Prozent gewonnene Punkte nach dem ersten Aufschlag in der Statistik. Nach einer Stunde und 35 Minuten war alles vorbei – mit einem Ass zum Matchgewinn, wie es sich für einen neuen Weltranglistenersten gehört.

Für eine kuriose Szene sorgte ein harter Schmetterball kurz vor Schluss: Er beschädigte die LED-Beleuchtung am Centre-Court, ein Stück musste schließlich mit einem Handtuch abgedeckt werden. Zverev ließ sich davon nicht beirren. Gegen Griekspoor, der in der Vorwoche das Turnier in Brüssel gewonnen und ihn in diesem Jahr in Montreal geschlagen hatte, feierte er im dreizehnten Duell seinen zehnten Sieg – die Bilanz steht nun bei 10:3.

Hinterher war der sonst oft so kontrollierte Profi sichtlich bewegt. Es sei ein unfassbar schönes Gefühl, zu wissen, am Montag die Nummer eins der Welt zu sein, sagte Zverev auf dem Platz. Das sei etwas anderes als ein Turniersieg, aber eines der besten Gefühle überhaupt. Er sei aus mehreren Gründen sehr fokussiert und motiviert gewesen – und die Nummer eins sei natürlich ein großes Thema gewesen.

Das Jahr, in dem sich alles fügte

Der Weg an die Spitze ist eng mit einer Saison verbunden, die man in Zverevs Karriere wohl als Wendepunkt bezeichnen wird. Lange galt er als der beste Spieler ohne Grand-Slam-Titel, als einer, der in den entscheidenden Momenten der großen Turniere scheiterte. 2026 hat er dieses Etikett gleich doppelt abgelegt: Er gewann zunächst die French Open in Paris und später die US Open in New York. Mit 64 Siegen bei 16 Niederlagen und 13 Viertelfinalteilnahmen führt er die Saisonstatistik der Tour an.

Bemerkenswert ist auch, wen Zverev an der Spitze ablöst. In den vergangenen Jahren hatten Jannik Sinner und Carlos Alcaraz das Männertennis fast nach Belieben unter sich aufgeteilt. Zverev ist nun der erste Spieler seit Novak Djokovic im Juni 2024, der neben diesen beiden die Weltrangliste anführt. Für viele Beobachter galt eine solche Wachablösung lange als unwahrscheinlich – zu dominant wirkten die beiden jungen Stars.

Gleichzeitig zeigt die Woche, wie schnell sich die Kräfteverhältnisse im Tennis verschieben können. Nur wenige Stunden vor Zverevs Triumph sorgte ein anderer Deutscher in Basel für Schlagzeilen: Jan-Lennard Struff besiegte Novak Djokovic in der zweiten Runde nach 2:36 Stunden mit 6:7, 7:5, 7:6 und zog ins Viertelfinale ein, wo er auf den Portugiesen Nuno Borges trifft. Für das deutsche Tennis war es ein seltener Abend mit gleich zwei großen Nachrichten.

In Wien ist Zverevs Turnier noch nicht beendet. Im Viertelfinale wartet am Freitag der Brite Arthur Fery, der in diesem Jahr im Halbfinale von Wimbledon stand und in der Runde zuvor Lorenzo Musetti ausgeschaltet hatte. Auf der anderen Seite des Tableaus steht Carlos Alcaraz, der nach einem 6:1, 7:6 gegen Nikolos Basilaschwili am Abend auf Tommy Paul trifft. Ein mögliches Finale zwischen der künftigen und einer früheren Nummer eins hätte in der Stadthalle einen besonderen Reiz. Zverev hat in Wien bereits 2021 den Titel geholt, 2025 verlor er das Endspiel gegen Sinner.

Was bedeutet der Titel der Nummer eins für den Rest der Saison? Zunächst vor allem Rückenwind. Nach Wien folgen noch das Masters in Paris und die ATP Finals der besten acht Spieler des Jahres, bei denen Zverev bereits zweimal triumphiert hat. Als Weltranglistenerster wird er dort als Topgesetzter antreten – und als Gejagter. Die Konkurrenz um Sinner und Alcaraz wird alles daransetzen, ihm den Platz an der Sonne gleich wieder streitig zu machen.

Für Zverev selbst dürfte der Moment dennoch weit über Punkte und Setzlisten hinausgehen. Er hat in seiner Karriere schwere Verletzungen überstanden, darunter den Bänderriss bei den French Open 2022, nach dem er monatelang pausieren musste. Er hat Rückschläge in großen Finals verkraftet und sich immer wieder neu aufgestellt. Dass er nun mit 29 Jahren ganz oben angekommen ist, erzählt auch von Geduld und Beharrlichkeit.

Für den deutschen Tennissport ist es ein historischer Tag. Seit Beckers kurzer Zeit an der Spitze im Jahr 1991 hatte kein deutscher Mann mehr diese Position erreicht. Nun gibt es wieder einen Namen, mit dem sich Nachwuchsspieler in Hamburg, München oder Berlin identifizieren können. Ab Montag steht er ganz oben: Alexander Zverev, Nummer eins der Welt.

Author: amira-sl1