Das Schwarze Meer wird für die zivile Schifffahrt immer gefährlicher. Innerhalb von nur zwei Tagen sind vor den Küsten Rumäniens und Bulgariens drei Handelsschiffe von Drohnen getroffen worden, zwei davon sind gesunken. Mindestens zwei Seeleute kamen ums Leben, die gesamte Besatzung eines weiteren Frachters gilt als vermisst. Die Angriffe ereigneten sich zwar nicht auf dem Staatsgebiet der beiden Nato- und EU-Mitglieder, aber in ihren ausschließlichen Wirtschaftszonen – und damit gefährlich nahe an der Ostflanke des Bündnisses. In Sofia, Bukarest, Brüssel und Ankara wächst die Sorge, dass der russische Krieg gegen die Ukraine sich nun auch auf See weiter ausbreitet.
Den Anfang machte am Montag ein türkischer Frachter, der ukrainisches Getreide geladen hatte. Nach Angaben des rumänischen Innenministeriums wurde das Schiff rund 30 Seemeilen südlich des Ortes Sfântu Gheorghe im Donaudelta getroffen, geriet in Brand und sank. Zwei Besatzungsmitglieder starben, elf weitere konnten gerettet werden. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einem „schrecklichen Angriff“ zweier russischer Drohnen.
In der Nacht zum Dienstag folgte der nächste Schlag, diesmal in der bulgarischen Wirtschaftszone. Gegen drei Uhr Ortszeit wurden rund 70 Seemeilen, also etwa 130 Kilometer, östlich der Küstenstadt Bjala gleich zwei Handelsschiffe getroffen. Die „Alfa Watan“, die unter der Flagge Togos fuhr, sank. Von ihrer Besatzung fehlt jede Spur; am Mittwoch hieß es von offizieller Seite, die Suche nach den Vermissten sei eingestellt worden. Das zweite Schiff, die unter der Flagge Palaus fahrende und mit Weizen beladene „Able“, fing Feuer. Alle 18 Besatzungsmitglieder – elf Türken und sieben Inder – wurden von einer Fähre aufgenommen, mehrere Verletzte kamen in ein Krankenhaus in Warna, zwei von ihnen sind schwer verletzt.
Bulgariens Ministerpräsident Rumen Radew berief noch am Dienstag eine Krisensitzung mit Vertretern mehrerer Ministerien und Sicherheitsbehörden ein. Anschließend sprach er in einer Fernsehansprache von einem „groben Verstoß gegen das Völkerrecht und das Seerecht“. Eingesetzt worden seien mehrere Drohnen, die sowohl aus dem Meer als auch aus der Luft gekommen seien. Wer dahintersteckt, ließ Radew offen; die bulgarischen Behörden untersuchen die Herkunft der Drohnen. Nach Angaben von Branchenvertretern war es der erste derartige Angriff in bulgarischen Gewässern überhaupt. Radew warnte zugleich, der Krieg greife räumlich immer weiter um sich und erhöhe das Risiko eines globalen Konflikts, wenn er nicht bald beendet werde.
Kiew hat eine klare Antwort auf die Frage nach den Verantwortlichen. Selenskyj beschuldigte Russland und sprach von einem weiteren Versuch Moskaus, den westlichen Teil des Schwarzen Meeres für die Schifffahrt unbrauchbar zu machen. Russland wolle die Eskalation vorantreiben, sagte er in seiner abendlichen Videoansprache. Laut der Nachrichtenagentur Reuters deuteten auch erste Einschätzungen einer mit der Sicherheit auf See befassten Quelle auf einen russischen Angriff hin. Moskau selbst äußerte sich zu den Vorfällen zunächst nicht. Die Nato lehnte eine eigene Stellungnahme ab und verwies auf die bulgarischen Behörden.
Warum gerade dieser Korridor so wichtig ist
Um die Brisanz zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Route, um die es geht. Nachdem Russland im Juli 2023 das Abkommen über den sicheren Transport ukrainischen Getreides auslaufen ließ, hat die Ukraine einen eigenen Seekorridor zwischen Odessa und dem Bosporus aufgebaut. Er führt entlang der westlichen Schwarzmeerküste und verläuft durch die Hoheitsgewässer Rumäniens und Bulgariens. Diese Gewässer gelten als Schutzschild: Ein Angriff dort würde unmittelbar Nato-Gebiet verletzen und hätte schwere Folgen.
Die drei getroffenen Frachter waren jedoch etwas weiter draußen unterwegs, in den ausschließlichen Wirtschaftszonen, die mindestens zwölf Seemeilen vor der Küste beginnen und nicht zum Staatsgebiet zählen. Dass Kapitäne diesen Weg wählen, ist nicht ungewöhnlich. Die Strecke ist kürzer, führt durch tieferes Wasser, ist weniger stark befahren und nicht vermint – Reedereien sparen so Zeit und Treibstoff. Genau diese Grauzone macht die Schiffe aber verwundbarer.
Für die Ukraine steht viel auf dem Spiel. Der Export von Getreide, Sonnenblumenöl, Mais und weiteren Agrargütern über das Schwarze Meer zählt zu den wichtigsten Einnahmequellen des Landes. Russland versucht seit Langem, die Transportwege des Nachbarn systematisch abzuschnüren – neben Brücken und Grenzübergängen auch die maritime Logistikkette. Jeder Angriff auf einen Frachter treibt zudem die Versicherungsprämien nach oben. Steigen sie weiter, könnten Reedereien die Route ganz meiden. Die Folgen würden weit über die Region hinausreichen: Der Welthandel wäre betroffen, und auch die globale Ernährungssicherheit geriete unter Druck, weil ukrainisches Getreide in viele Länder Afrikas und Asiens geht.
Entsprechend deutlich fielen die Reaktionen in Europa aus. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nannte die Lage im Schwarzen Meer auf der Plattform X „zunehmend besorgniserregend“. „Handelsschiffe – und unschuldige Crews – werden zum Ziel genommen, es hat bereits Leben auf See gekostet“, schrieb sie. Die Europäische Union stehe solidarisch an der Seite ihrer Mitgliedstaaten an der Ostflanke. Ähnliche Töne kamen aus Berlin.
Besonders aufmerksam verfolgt die Türkei die Entwicklung. Türkische Reedereien wickeln den Großteil des regionalen Schiffsverkehrs und der Logistik im Schwarzen Meer ab und sind deshalb besonders stark betroffen – auch auf der „Able“ stellten Türken die Mehrheit der Besatzung. Präsident Recep Tayyip Erdoğan telefonierte am Mittwoch nach offiziellen Angaben mit Kremlchef Wladimir Putin und betonte dabei die Bedeutung einer sicheren Schifffahrt. Schon bei der UN-Generalversammlung Ende September hatte Erdoğan die zunehmenden Angriffe auf Frachter scharf kritisiert und einen neuen Mechanismus für die maritime Sicherheit gefordert.
Die Angriffe auf See fallen in eine Woche, in der der Krieg auch an Land mit großer Härte geführt wird. Am Mittwoch, dem Geburtstag Putins, überzog Russland die Ukraine nach Kiewer Angaben mit rund 70 Raketen und Dutzenden Schahed-Drohnen. Mindestens 28 Menschen wurden getötet, etwa 100 verletzt. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, Ziele seien unter anderem militärisch-industrielle Anlagen sowie Hafen- und Werftinfrastruktur in der Schwarzmeer-Region Odessa gewesen – ein weiteres Indiz dafür, wie sehr der Seehandel ins Zentrum der russischen Strategie rückt. Die EU reagierte mit neuen Sanktionen gegen den russischen Rüstungssektor und zahlte der Ukraine am selben Tag eine weitere Finanzhilfe von 1,2 Milliarden Euro aus.
Wie es im Schwarzen Meer weitergeht, ist offen. Bulgarien und Rumänien stehen vor der heiklen Aufgabe, ihre Wirtschaftszonen besser zu überwachen, ohne selbst in den Konflikt hineingezogen zu werden. Für die Nato stellt sich die Frage, wie sie auf Angriffe reagiert, die knapp außerhalb ihres Territoriums stattfinden, aber die Sicherheit ihrer Mitglieder unmittelbar berühren. Und für die Seeleute, die weiterhin Getreide aus Odessa in die Welt bringen, wird jede Fahrt zu einer Abwägung zwischen dem kürzeren Weg und dem sichereren. Fest steht: Der ruhige Blick aufs Meer, an den sich die Küstenorte am Schwarzen Meer gewöhnt hatten, ist vorerst einer neuen Wachsamkeit gewichen.
