Chanel in Paris: Matthieu Blazy lässt den Tweed fliegen – Papierkraniche über dem Grand Palais

Chanel in Paris: Matthieu Blazy lässt den Tweed fliegen – Papierkraniche über dem Grand Palais

Unter einem Himmel aus Papiervögeln hat Chanel am Montagabend eines der poetischsten Kapitel dieser Pariser Modewoche aufgeschlagen. Im Grand Palais präsentierte Kreativdirektor Matthieu Blazy seine Kollektion für Frühjahr/Sommer 2027 – und machte den Vogel zum Leitmotiv: als Symbol für Leichtigkeit, für Aufbruch und für die vielen Leben der Firmengründerin Gabrielle Chanel. Die Show begann um 20 Uhr vor geladenen Gästen, der offizielle Film zur Schau wurde eine Stunde später veröffentlicht.

Von der Decke des Kirchenschiffs schwebten beleuchtete Origami-Kraniche, die sich im Boden spiegelten. Die Nachrichtenagentur AFP verglich die Installation mit einem tröstlichen, poetischen Mobile über einem Kinderbett. Blazy selbst beschrieb die Idee in seinem Begleittext so: Die Kollektion erzähle die Geschichte der vielen Leben von Gabrielle Chanel. „Wie ein Vogel hob sie ab, und jeder Schritt, den sie tat, führte sie in Richtung Freiheit.“

Für den 42-jährigen Designer war es erst die dritte Prêt-à-porter-Schau für das Haus. Blazy hatte die Nachfolge von Virginie Viard 2025 angetreten, nachdem er sich zuvor bei Bottega Veneta einen Namen als einer der handwerklich präzisesten Designer seiner Generation gemacht hatte. Entsprechend groß war die Aufmerksamkeit: Jede seiner Chanel-Kollektionen wird in der Branche als Gradmesser dafür gelesen, wie weit er das Erbe des Hauses neu interpretieren darf, ohne seine Codes zu verlieren.

Vom Nachkriegskostüm zum dehnbaren Tweed

Der Laufsteg folgte einer klaren Dramaturgie. Zum Auftakt zeigte Blazy Lingerie aus Jersey mit offen sichtbaren Korsettstäben, kombiniert mit einem Negligé, dessen Struktur an Fischernetze erinnerte. Was zunächst intim und fast zerbrechlich wirkte, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einer Reise durch die Geschichte der Marke – bis hin zum Kostüm der Nachkriegsjahre, jener Silhouette, mit der Chanel in den 1950er-Jahren ihr großes Comeback feierte.

Besonders ins Auge fiel der für das Haus typische Ballerina-Petticoat. Blazy interpretierte ihn in einer opulenten Version, mal in zartem Dragée-Blau, mal in Elfenbeinweiß, und kombinierte ihn mit einem modernisierten Korsett. Der Kontrast zwischen schwingendem Volumen und klar geformter Taille zog sich als feines Spannungsfeld durch die gesamte Kollektion.

Im Mittelpunkt stand aber einmal mehr der Tweed – das vielleicht wichtigste Material im Chanel-Universum. Blazy zeigte unter anderem einen Trompe-l’œil-Tweed, der aus feiner, leichter Seide gearbeitet war und den Namen des Hauses trug. Er wirkt wie das klassische, grob gewebte Material, ist aber in Wahrheit ein Spiel mit der Wahrnehmung. Dazu stellte der Designer eine „technische Innovation“ vor, auf die er sichtlich stolz ist: sogenannten Smock-Tweed, ein dehnbares Gewebe. Das sei eine Leistung, die bisher unmöglich gewesen sei, so Blazy.

Damit setzt er eine Linie fort, die sich seit seinem Antritt abzeichnet. Blazy scheint sich vorgenommen zu haben, den Chanel-Tweed um jeden Preis zu verjüngen, ohne ihn dabei jemals über die Kante zu kippen. Statt die Ikone zu zerlegen, macht er sie leichter, beweglicher und alltagstauglicher – eine Strategie, die sowohl Traditionalisten als auch eine jüngere Kundschaft ansprechen soll.

Gerade für Kundinnen, die Chanel-Tweed bislang vor allem mit steifen, festlichen Jacken verbinden, könnte diese Entwicklung interessant sein. Ein Stoff, der sich dehnt und mitbewegt, verändert den Charakter eines Kostüms grundlegend: Aus dem Repräsentationsstück wird ein Kleidungsstück für den Alltag, das man im Büro ebenso tragen kann wie auf Reisen. Ob sich der Smock-Tweed tatsächlich so bequem trägt, wie er auf dem Laufsteg aussah, wird sich zeigen, wenn die Kollektion im kommenden Frühjahr in die Boutiquen kommt. Die Richtung jedenfalls ist eindeutig: weniger Rüstung, mehr Freiheit – ganz im Sinne des Vogelmotivs, das Blazy über die gesamte Schau gespannt hat.

Der Vogel als Motiv war nicht nur in der Installation präsent. Federn, Nester und Vogelfüße tauchten als Details in Stickereien und Accessoires auf. Einen ersten Vorgeschmack hatte das Haus bereits vor der Schau gegeben: In einer Serie von Schwarz-Weiß-Kunstfotografien des britischen Fotografen David Bailey spielten genau diese Motive die Hauptrolle. Die Kampagne erzeugte so schon im Vorfeld eine Erwartung, die der Laufsteg dann in Farbe und Bewegung einlöste.

In der ersten Reihe des Grand Palais, dessen Renovierung Chanel mitfinanziert hat, saßen zahlreiche prominente Gäste. Unter ihnen waren der Schauspieler Pedro Pascal, die Sängerin Dua Lipa sowie die Schauspielerinnen Kristen Wiig und Sandra Hüller. Gerade die Anwesenheit der deutschen Oscar-nominierten Darstellerin dürfte hierzulande für zusätzliches Interesse an der Kollektion sorgen.

Die poetische Inszenierung hat auch eine wirtschaftliche Seite. Während andere Modehäuser Mühe haben, ihre Umsätze zu halten, läuft es bei Chanel ausgesprochen gut. Nach einer schwierigen Phase hat sich die Luxusbranche im ersten Halbjahr wieder erholt und ist auf den Wachstumspfad zurückgekehrt: LVMH legte organisch um rund zwei Prozent zu, Hermès zu konstanten Wechselkursen um sechs Prozent. Chanel schnitt nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg noch deutlich besser ab – der vergleichbare Umsatz soll um rund 16 Prozent gestiegen sein. Blazys Kurs aus Respekt vor dem Archiv und vorsichtiger Erneuerung scheint sich also auch kommerziell auszuzahlen.

Für die Modewoche selbst war die Chanel-Schau der Höhepunkt des vorletzten Abends. Die Pariser Damenmodenwoche für Frühjahr/Sommer 2027 läuft seit dem 28. September und geht an diesem Dienstag, dem 6. Oktober, zu Ende. Zum Finale stehen laut offiziellem Kalender noch einmal elf Termine an – sieben Schauen und vier Präsentationen, verteilt vom Vormittag ab 9.30 Uhr bis in den Abend. Mit dabei sind unter anderem Litkovska, Christopher Esber, CFCL, Situationist und um 17 Uhr Pierre Cardin.

Den Schlusspunkt setzt traditionell Louis Vuitton: Die Schau des Hauses beginnt um 18.30 Uhr und wird zeitgleich per Livestream übertragen. Damit endet ein neuntägiger Kalender, der mit Dior und Saint Laurent am 29. September früh große Akzente gesetzt hatte und mit Chanel und Louis Vuitton nun gleich zwei Schwergewichte an den letzten beiden Abenden versammelt. Parallel dazu läuft noch bis heute der Showroom SPHERE im Palais de Tokyo, in dem der Modeverband FHCM ausgewählte Nachwuchsmarken präsentiert.

Was bleibt von dieser Saison? Wenn man der Chanel-Schau eine Botschaft entnehmen will, dann diese: Leichtigkeit ist zurück. Statt lauter Provokation setzt Blazy auf Zartheit, Handwerk und kluge Materialforschung – und auf ein Bild, das lange in Erinnerung bleiben dürfte: Tausende Papierkraniche über dem Laufsteg, unter denen Tweed plötzlich zu fliegen scheint. Ob Louis Vuitton am Abend eine ähnlich starke Geschichte erzählt, wird sich zeigen. Die Messlatte für das Finale der Pariser Modewoche liegt jedenfalls hoch.

Author: amira-sl1