München ist deutscher Olympia-Kandidat: Nach Baden-Baden beginnt der Weltkampf

München ist deutscher Olympia-Kandidat: Nach Baden-Baden beginnt der Weltkampf

Mit 64,91 Prozent der Stimmen hat die außerordentliche Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes am Samstag in Baden-Baden eine Entscheidung getroffen, die weit über Bayern hinausreicht: Deutschland geht mit München ins Rennen um Olympische und Paralympische Sommerspiele. Gegen das Konzept Köln-Rhein-Ruhr setzte sich die bayerische Landeshauptstadt mit 91 zu 50 Stimmen durch. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verkündete das Ergebnis gemeinsam mit DOSB-Präsident Thomas Weikert und nannte die Bewerbung eine Riesenchance für ganz Deutschland. Für viele Beobachter war das Votum erwartbar, für die Verlierer dennoch schmerzhaft – und für die Gewinner der Beginn einer langen, riskanten Etappe.

Damit ist der nationale Auswahlprozess beendet. Was folgt, ist der deutlich härtere Teil: der Dialog mit dem Internationalen Olympischen Komitee. Erstmals seit 1972 will der deutsche Sport wieder Sommer-Spiele ins eigene Land holen. Mögliche Zieljahre sind 2036, 2040 oder 2044. Die Vergabe für 2036 soll nach dem reformierten Verfahren erst Mitte 2029 fallen. Bis dahin müssen Konzepte geschärft, Finanzierungen abgesichert und politische Mehrheiten gehalten werden. Ein Bewerbungsprozess dieser Länge belohnt nicht den lautesten Slogan, sondern die belastbarste Planung.

München hatte schon vor dem Votum als Favorit gegolten. Eine DOSB-Evaluierung hatte die Bewerbung mit 87 Punkten knapp vor Köln-Rhein-Ruhr mit 85 Punkten gelistet. Nach dem Bürgerentscheid in Hamburg und dem Rückzug Berlins war aus einem ursprünglichen Mehrkampf ein Duell geworden. Darin überzeugte München mit einem kompakten, am One-Village-Gedanken des IOC orientierten Konzept. Fußballspiele in Stuttgart und Segeln in Kiel bleiben Ausnahmen; der Kern der Wettkämpfe soll in Bayern bleiben. Genau diese Kompaktheit war im nationalen Wettstreit ein zentrales Argument gegen das Ost-West-Modell der Rheinländer.

Gleichzeitig war die Entscheidung emotional aufgeladen. Befürworter der unterlegenen Bewerbung hatten betont, man solle nicht einfach die Spiele von 1972 wiederholen, sondern ein wiedervereinigtes, modernes Deutschland zeigen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und die Münchner Verantwortlichen hielten dagegen, dass das IOC kompakte Spiele bevorzuge und bestehende Sportstätten nachhaltig genutzt werden sollten. Am Ende zählten die Stimmen der olympischen Fachverbände, des Präsidiums und der persönlichen Mitglieder – und die fielen klar zugunsten Münchens aus.

Was jetzt auf Sport und Politik zukommt

Oberbürgermeister Dominik Krause von den Grünen ließ nach dem Entscheid keinen Zweifel: Man müsse quasi ab morgen loslegen. Schon für 2036 sei eine Vergabe an die drittgrößte Stadt Deutschlands denkbar. Detailpläne und finanzielle Garantien müssen dem IOC vorgelegt werden, bevor die erste Vorauswahl für 2036 im März 2027 abgeschlossen sein soll. Bis Ende 2028 folgt die Phase strategischer Verhandlungen; danach bleibt nur noch ein enger Kreis aussichtsreicher Kandidaten übrig. Wer in dieser Phase Fehler macht, fliegt nicht spektakulär raus – er verschwindet still aus dem Rennen.

An den vorgesehenen Wettkampfstätten will München grundsätzlich festhalten, das Konzept aber weiter schärfen. DOSB-Präsident Weikert betonte, man wolle auch gute Ideen der unterlegenen Bewerbungen prüfen. Ziel sei eine maximal gute Bewerbung mit realistischen internationalen Chancen. Gleichzeitig bleibt der Kern Münchens maßgebend: nachhaltige Nutzung vorhandener Arenen, ein glaubwürdiges olympisches Dorf und eine Geschichte, die Athletinnen und Athleten ebenso überzeugt wie Sponsoren und Steuerzahler. Schönwetter-Rhetorik allein wird in Lausanne und später bei der IOC-Session nicht reichen.

Die Finanzierung bleibt der kritische Punkt. Krause spricht von rund zehn Milliarden Euro: fünf Milliarden Eventkosten, die sich historisch oft selbst getragen hätten, und fünf Milliarden Infrastruktur – darunter olympisches Dorf und Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Söder nennt mehrere Säulen: Sponsoring, Stadt, Land und Bund. Mit dem Bund müsse man schnell sprechen, sagte Krause, weil Infrastrukturplanung nicht bis zur IOC-Entscheidung warten könne. Gut für München ist immerhin, dass die schwarz-rote Bundesregierung eine deutsche Olympia-Bewerbung grundsätzlich unterstützt. Ob daraus konkrete Garantien werden, entscheidet über Glaubwürdigkeit – und über die Nerven der Stadtgesellschaft.

International dürfte die Konkurrenz vor allem aus Europa kommen. Budapest und Istanbul haben Pläne, Madrid, Nordbritannien und die Toskana prüfen Anläufe. Aus Asien gelten Indien und Katar als mögliche Bewerber. Ob alle wirklich bis zur Endrunde durchhalten, ist offen. Möglich bleibt auch eine Doppelvergabe für 2036 und 2040 an Asien und Europa. Weikert gibt sich dennoch selbstbewusst: Deutschland sei im IOC als guter Standort bekannt, und man habe ein gutes Angebot. Beeinflussen lasse sich die Entscheidung des Komitees aber nur begrenzt. Das ist die nüchterne Wahrheit hinter jedem euphorischen Abend in Baden-Baden.

Für Athletinnen und Athleten, Fans und die Stadt bedeutet der Entscheid vor allem eines: Der nationale Streit ist vorbei, der Weltkampf beginnt. München muss jetzt liefern – mit belastbaren Zahlen, einem glaubwürdigen Nachhaltigkeitsversprechen und einer Geschichte, die über Bayern hinaus ganz Deutschland trägt. Wer die Spiele will, muss auch erklären, wer sie bezahlt, wer von ihnen profitiert und welche Flächen dauerhaft für den Alltag bleiben. Ob das reicht, entscheidet erst 2029. Bis dahin zählt jeder Monat Vorbereitung, jede Garantie und jede politische Rückendeckung. Olympia kehrt nicht von allein zurück. Man muss sie holen – und verdienen.

Auch die Paralympics gehören fest zur Münchner Geschichte. Eine Bewerbung, die nur die olympischen Sommerspiele erzählt und die paralympischen Wettbewerbe als Anhang behandelt, würde international schnell unglaubwürdig wirken. Deshalb betonen DOSB und Stadt immer wieder die gemeinsame Ausrichtung. Für Sponsoren, Medien und den öffentlichen Nahverkehr bedeutet das zusätzliche Komplexität – und zugleich die Chance, Barrierefreiheit dauerhaft in der Stadt zu verankern, statt sie nur für zwei Wochen zu simulieren.

Ob München am Ende den Zuschlag erhält, hängt nicht allein von Sympathie ab. Es geht um Sicherheit, Unterkünfte, Verkehrsströme, Klimaziele und die Frage, ob die Spiele der Stadt etwas hinterlassen, das Bürgerinnen und Bürger auch ohne Fackellauf noch als Gewinn erkennen. Baden-Baden war der nationale Schlusspunkt. Der internationale Startschuss fällt jetzt – und er duldet keine Verspätung.

Author: amira-sl1