Wenn am Samstagabend um 18:30 Uhr in der Münchner Allianz Arena angepfiffen wird, steht mehr auf dem Spiel als drei Punkte. Der FC Bayern empfängt am sechsten Spieltag der Bundesliga RB Leipzig, und die Vorzeichen sind für ein Topspiel ungewohnt verteilt: Der Rekordmeister kommt aus zwei Unentschieden, die Gäste aus Sachsen dagegen reisen mit breiter Brust an. Zwei Siege in Folge, sieben eigene Tore und kein Gegentreffer in Liga und Champions League – so lautet die jüngste Bilanz der Leipziger. Gewinnen sie in München, ziehen sie in der Tabelle an den Bayern vorbei.
Von einer Krise zu sprechen, wäre beim FC Bayern dennoch übertrieben. Die Remis in Augsburg und beim norwegischen Klub Viking Stavanger in der Königsklasse haben allerdings gereicht, um rund um die Säbener Straße für Unruhe zu sorgen. Leipzigs Trainer Martin Demichelis will von einer Schwächephase des Gegners trotzdem nichts wissen. Niemand könne behaupten, die Bayern seien schwach, betonte der Argentinier vor der Partie. Mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu, dass schließlich niemand wisse, ob die Münchner nach den jüngsten Ausrutschern besonders gereizt auftreten und den Gegner regelrecht „fressen“ wollen.
Für Demichelis selbst ist der Abend alles andere als ein gewöhnliches Auswärtsspiel. Zwölf Jahre lebte er in München, sein erster Sohn kam dort zur Welt. 259 Pflichtspiele bestritt er als Verteidiger für den FC Bayern, gewann viermal die Meisterschaft, einmal den DFB-Pokal und stand 2010 im Champions-League-Finale gegen Inter Mailand in der Startelf. Sein Kopfballtor gegen Juventus Turin im Jahr 2005 bezeichnete er einmal als schönsten Moment seiner Laufbahn. Sentimentalität soll an diesem Samstag dennoch keine Rolle spielen: Wer ihn kenne, wisse, dass er fokussiert sei und auch in München gewinnen wolle, stellte der Coach klar.
Die Statistik spricht allerdings deutlich gegen die Gäste. Die letzten drei Duelle in der Allianz Arena gingen allesamt verloren, bei einem Torverhältnis von 2:14. Den letzten Punkt holte RB im Mai 2025 bei einem spektakulären 3:3. Der einzige Sieg in München liegt noch länger zurück: Im August 2023 gewannen die Leipziger dort den Supercup. Auch die Vorbereitung im Sommer endete mit einer 1:3-Testspielniederlage beim Rekordmeister. Demichelis sieht seine Mannschaft seitdem jedoch deutlich weiter. Ausreden gebe es keine, der Kader sei gut, man müsse aggressiver auftreten und weniger Fehler machen. Und vom Gegner wünsche er sich vor allem eines, sagte er lachend: möglichst viele Fehler.
Personell kann der RB-Trainer nahezu aus dem Vollen schöpfen. Die Elf, die unter der Woche in der Champions League mit 1:0 gegen PSV Eindhoven gewann, ist komplett einsatzfähig. Zudem nähert sich Christoph Baumgartner nach langer Verletzungspause einem Comeback, was dem Trainer zusätzliche Optionen für die Schlussphase verschaffen könnte. Im Angriff ruhen die Hoffnungen unter anderem auf Christopher Nkunku, Antonio Nusa und Brajan Gruda, die mit ihrem Tempo gerade in Umschaltmomenten gefährlich werden können.
Bei den Bayern richtet sich der Blick vor allem auf die Torhüterposition. Jonas Urbig, eigentlich als Nummer zwei eingeplant, rückt nach einigen Wacklern der langjährigen Nummer eins zunehmend ins Rampenlicht. Ob und wie lange sich daraus eine echte Torwartdebatte entwickelt, dürfte auch vom Ausgang dieses Spiels abhängen. Trainer Vincent Kompany gab sich auf der Pressekonferenz am Freitag betont gelassen und sogar voller Vorfreude. Es kämen nun Wochen, in denen man sich auf jedes Spiel freuen und sich mit den Besten messen könne, sagte der Belgier. Solche Partien seien die schönsten Momente einer Karriere – und genau deswegen kämen die Fans ins Stadion.
Taktisch dürfte sich ein Spiel mit klar verteilten Rollen entwickeln. Die Bayern werden versuchen, über viel Ballbesitz und hohes Pressing Druck aufzubauen und die Leipziger tief in die eigene Hälfte zu drängen. RB wiederum lauert auf Ballgewinne im Mittelfeld, um mit schnellen Vorstößen die Räume hinter der Münchner Abwehr zu nutzen. Entscheidend könnte sein, welche Mannschaft in den ersten zwanzig Minuten die Kontrolle übernimmt. Gelingt den Gästen ein früher Treffer, könnte die Nervosität im Stadion schnell steigen. Erzielen dagegen die Bayern das erste Tor, droht Leipzig eine weitere lange Nacht in München.
Der Samstag im Überblick: Dortmund in Köpenick, HSV empfängt Stuttgart
Bevor es in München zur Sache geht, bietet der Nachmittag bereits reichlich Spannung. Um 15:30 Uhr laufen fünf Partien parallel, und die vielleicht interessanteste findet im Stadion An der Alten Försterei statt. Borussia Dortmund gastiert beim 1. FC Union Berlin und hat dabei einen kleinen Rekord im Blick: Mit einem Sieg käme der BVB auf 16 Punkte nach sechs Spieltagen und würde damit seine eigene Bestmarke einstellen. Diese Ausbeute gelang den Schwarzgelben bislang dreimal, zuletzt in der Saison 2017/18.
Allerdings wirkt beim BVB noch das jüngste 2:2 gegen Werder Bremen nach. Bis kurz vor Schluss sah alles nach einem weiteren Sieg aus, dann kassierten die Dortmunder spät den Ausgleich – und verloren damit die Tabellenführung. In Köpenick tun sich die Westfalen traditionell schwer: Von sieben Bundesliga-Gastspielen bei den Eisernen gingen vier verloren, auch wenn der jüngste Auftritt im Januar mit einem 3:0 endete. Eine Kuriosität kommt hinzu: In 14 Bundesliga-Duellen zwischen beiden Klubs gab es noch nie ein Unentschieden. Keine andere Paarung der Ligageschichte kam so oft zustande, ohne dass je die Punkte geteilt wurden. Die Partie ist ausverkauft, rund 2.500 Dortmunder Fans werden im Gästeblock erwartet.
Der Hamburger SV geht nach einem Last-Minute-Erfolg in Hoffenheim mit Rückenwind in das Heimspiel gegen den VfB Stuttgart. Die Schwaben müssen allerdings eine ganze Reihe von Ausfällen verkraften, was Trainer Sebastian Hoeneß zu Umstellungen zwingen dürfte. Werder Bremen empfängt Aufsteiger SC Paderborn und will nach dem späten 2:2 gegen den BVB nachlegen. Der zweite Aufsteiger, die SV Elversberg, bekommt es mit dem formstarken FC Augsburg zu tun, der zuletzt immerhin den Bayern ein Unentschieden abtrotzte. Komplettiert wird der Nachmittag vom Duell zwischen dem FC Schalke 04 und dem 1. FSV Mainz 05.
Wer zuschauen möchte, findet die Nachmittagsspiele bei DAZN in der Konferenz sowie einzeln bei Sky, das auch das Topspiel am Abend überträgt. Im Free-TV zeigt die ARD ab 18:30 Uhr die Zusammenfassungen der Nachmittagspartien, das ZDF folgt ab 21:45 Uhr. Fest steht: Nach diesem Samstag dürfte die Tabelle an der Spitze ein ganzes Stück klarer aussehen – oder noch spannender als ohnehin schon.
