Kaum werden die Abende länger, holt das Erste einen seiner ältesten Samstagabend-Klassiker aus dem Schrank: Am 10. Oktober meldete sich „Verstehen Sie Spaß?“ mit einer neuen Live-Ausgabe aus Berlin zurück. Barbara Schöneberger führte ab 20:15 Uhr durch den Abend, übertragen im Ersten und im ORF und anschließend abrufbar in der ARD Mediathek. Im Gepäck hatte die SWR-Show neue Filme mit der versteckten Kamera – und eine Gästeliste, die von der Krimi-Schauspielerin bis zum Zirkusstar reicht.
Für die Sendung steht dabei mehr auf dem Spiel als ein paar gelungene Lacher. Die reguläre Ausgabe im März hatte noch rund 2,6 Millionen Menschen vor die Bildschirme gelockt. Die Best-of-Folge im August, die vor allem Höhepunkte aus dem Archiv zeigte, kam dagegen nur auf ungewöhnlich schwache 1,62 Millionen. Mit frischem Material und einer Live-Show wollte das Team also zeigen, dass das Format noch längst nicht ausgedient hat. Schöneberger selbst, seit 2022 Gastgeberin, gilt ohnehin nicht als jemand, der sich von Quotentabellen die Laune verderben lässt.
Der Reiz des Konzepts ist seit Jahrzehnten derselbe: Ganz normale Situationen werden Schritt für Schritt absurder, bis die Hereingelegten an ihrer Wahrnehmung zweifeln. In der Glanzzeit unter Kurt Felix verfolgten in den Achtzigern regelmäßig weit mehr Menschen die Streiche als heute. Doch gerade weil Fernsehen inzwischen auf viele Kanäle verteilt ist, setzt die Redaktion verstärkt auf Prominente, die man im Alltag gut zu kennen glaubt – und die vor der Kamera plötzlich ganz unvorbereitet reagieren.
Hinzu kommt die besondere Spannung einer Live-Sendung. Während die Filme vorab gedreht und geschnitten werden, sitzen die Hereingelegten am Abend selbst im Studio und sehen sich die eigene Verwirrung gemeinsam mit dem Publikum an. Genau in diesen Momenten entsteht oft der eigentliche Fernsehzauber: das verlegene Lachen, die Frage „Wie konnte ich das nicht merken?“ und die kleinen Racheschwüre in Richtung der Lockvögel. Schöneberger nutzt diese Situationen gern für spontane Pointen, ohne die Gäste bloßzustellen.
Kräuterrausch, Hütchenspiel und ein Bart, der fallen muss
Den Auftakt der angekündigten Filme bildet eine Kräuterwanderung im oberbayerischen Bayrischzell. Simone Thomalla soll dort mit ihrem „Frühling“-Kollegen Kristo Ferkic für einen Werbedreh durch die Natur streifen. Begleitet werden beide von einem selbst ernannten „Kräuter-Papst“ namens Louis, dessen Wissen über Heilpflanzen mindestens fragwürdig wirkt. Thomalla rollt brav Kräuterkügelchen und probiert sich durch die Wiese. Auf einer Alm kippt die Stimmung: Ferkic kostet mehrere angeblich harmlose Pulver und zeigt kurz darauf seltsame Symptome, die an eine Vergiftung erinnern. Die Schauspielerin macht sich echte Sorgen – dass ihr Kollege nur mitspielt, ahnt sie nicht.
Ähnlich perfide ist der Abend, den Heino Ferch in einem Münchner Restaurant erlebt. Er freut sich auf ein Essen mit seinem alten Freund Jimmy Hartwig, früher Profi beim HSV. Schon die resolute Wirtin „Mama Rosa“ irritiert mit einem kaum trinkbaren Aperitivo und ruppigen Ansagen. Dann taucht ein angeblicher Bekannter aus Hartwigs Vergangenheit auf, und die beiden verfallen in eine alte Leidenschaft: das Hütchenspiel. Hartwig erhöht die Einsätze immer weiter, Ferch sieht seinen Freund schon alles verspielen. Was er nicht weiß: Hartwig sitzt mit im Boot und zieht seine Rolle mit eisernem Pokerface durch.
Den vielleicht schrägsten Auftritt liefert Horst Lichter. Der Moderator von „Bares für Rares“ kehrt nach neun Jahren für ein Koch-Comeback ins SAT.1-„Frühstücksfernsehen“ zurück. Statt nur Birnen, Bohnen und Speck zu servieren, verkündet er vor Matthias Killing und Karen Heinrichs, dass er sich nach 13 Jahren Trödelshow völlig neu erfinden will. Zuerst muss der berühmte Zwirbelbart dran glauben, den die beiden Moderatoren live stutzen. Kurz darauf erscheint Lichter mit dunklem Schnauzer im Stil der Achtziger, Netzanzug, lackierten Nägeln und Nasenring. Die Gastgeber fürchten, ihr Gast verliere im Live-Fernsehen die Fassung. In Wahrheit ist der ganze Auftritt ein abgesprochener Streich.
Auch die Manege wird zur Bühne. Zum 50. Geburtstag des Circus Roncalli plant Gründer Bernhard Paul einen besonderen Werbecoup: Massimo Sinató, der einst gemeinsam mit Lili Paul-Roncalli „Let’s Dance“ gewann, soll Teil von Lilis Kontorsionsnummer werden – zusammen mit einem Bloodhound namens Willi. Doch der Hund interessiert sich nur für den Tänzer und weicht ihm nicht mehr von der Seite. Für die Perfektionistin Lili wird der Gastauftritt zum Albtraum. Dass ihr eigener Vater mit Barbara Schöneberger noch weitere Überraschungen ausgeheckt hat, erfährt sie erst später.
Den Abschluss bilden Menschen, die man nicht aus dem Fernsehen kennt: die Freiwillige Feuerwehr im sächsischen Grimma. Die Feuerwehrfrauen wollen ihren großspurigen Kollegen mit einem Kalender-Shooting nach dem Vorbild der berühmten australischen Feuerwehrkalender einen Denkzettel verpassen. Während die Frauen ihre Motive scheinbar mühelos meistern, kämpfen Jens, Marcel und die anderen mit schweren Sandsäcken, Handständen und Übungen an der Pole-Stange, teils mit nacktem Oberkörper oder nur in Unterhose. Hinter der Kamera steht Fotografin „Anne“ – in Wahrheit Barbara Schöneberger mit Perücke, Sonnenbrille und falschen Zähnen.
Gerade diese Mischung macht den Charme der Sendung aus. Prominente zeigen sich verletzlich, besorgt oder schlicht ratlos, und ganz normale Leute bekommen ihren großen Auftritt, ohne ihn geplant zu haben. Dass Schöneberger dabei regelmäßig selbst in Verkleidungen schlüpft, ist längst Teil des Markenkerns: Sie ist nicht nur Gastgeberin, sondern auch Lockvogel, Schauspielerin und Komplizin zugleich.
Bemerkenswert ist auch, wie viel Handwerk hinter jedem einzelnen Streich steckt. Drehorte müssen präpariert, Kameras unauffällig versteckt und Komplizen aus dem engsten Umfeld eingeweiht werden, ohne dass etwas durchsickert. Ein falsches Wort, ein zu früh erkennbares Mikrofon – und Wochen an Vorbereitung sind dahin. Dass die Redaktion es trotzdem immer wieder schafft, selbst erfahrene Fernsehprofis wie Heino Ferch oder Simone Thomalla aufs Glatteis zu führen, spricht für die Sorgfalt des Teams.
Ob die Live-Ausgabe an die Märzwerte anknüpfen konnte, werden die Quoten der kommenden Tage zeigen. Wer den Samstagabend verpasst hat, kann die Streiche in der ARD Mediathek nachholen. Und eines dürfte nach diesem Abend klar sein: Wer in nächster Zeit eine seltsame Kräuterwanderung, eine allzu strenge Wirtin oder einen Hund mit Vorliebe für Tanzprofis erlebt, sollte sich kurz umsehen – irgendwo könnte eine Kamera versteckt sein.
