Drei Outs fehlten den Milwaukee Brewers noch zur ersten Meisterschaft ihrer Vereinsgeschichte. Drei Outs, und das Team aus Wisconsin hätte die World Series mit einem glatten 4:0-Sweep gegen die Tampa Bay Rays beendet. Doch in der Nacht zum Mittwoch schrieb Baseball wieder eines jener Drehbücher, die man sich kaum ausdenken kann: Mit einem Walk-off-Single im zwölften Inning rettete Ersatzschlagmann Ben Williamson seine Rays zu einem 4:3-Sieg im vierten Spiel – und hielt die Saison der Florida-Mannschaft am Leben. In der Serie steht es nun 3:1 für Milwaukee.
Die Szene, die in Tampa Bay noch lange erzählt werden dürfte, spielte sich im Tropicana Field in St. Petersburg ab. Die Brewers waren im oberen Teil des zwölften Innings durch einen Solo-Homerun ihres Rookie-Shortstops Cooper Pratt mit 3:2 in Führung gegangen. Die Gäste-Fans sahen sich schon feiern, zumal ausgerechnet an diesem Tag in den USA der „National American Beer Day“ begangen wurde – ein passendes Omen, so schien es, für ein Team, dessen Name und Identität ganz auf der Brautradition Milwaukees beruht.
Doch die Rays drehten das Spiel im letzten Moment. Junior Caminero erreichte die erste Base nach einem Wurffehler von Third Baseman Joey Ortiz, Liam Hicks legte gegen Brewers-Pitcher Shane Drohan einen Hit nach. Jonny DeLuca schlug daraufhin den Ausgleich ins Center Field, Chandler Simpson lud mit einem weiteren Single die Bases. Dann schickte Manager Kevin Cash seinen letzten verfügbaren Mann von der Bank: Ben Williamson, der für Victor Mesa Jr. ins Spiel kam. Der 25-Jährige schlug gleich den ersten Pitch als hohen Aufsetzer ins rechte Feld, Pinch-Runner Nick Fortes lief zum Siegpunkt nach Hause. Aus den Lautsprechern dröhnte „Walking on Sunshine“, auf dem Rasen versank die Mannschaft in einem jubelnden Knäuel.
Bemerkenswert ist die Geschichte hinter dem Helden des Abends. Williamson war mit einer ernüchternden Bilanz in die Partie gegangen: In sieben Playoff-Spielen hatte er bis dahin nur einen Hit aus 15 Versuchen geschafft. Ausgerechnet er wurde nun zum Mann, der die Rays vor dem Aus bewahrte. Er ist damit nach Brett Phillips im Jahr 2020 erst der zweite Spieler der Rays-Geschichte, der in einem vierten World-Series-Spiel den entscheidenden Walk-off-Hit lieferte.
Die historische Dimension dieses Sieges ist beachtlich. In der Geschichte der World Series hatte es zuvor 16 Walk-off-Siege von Teams gegeben, die vor dem Ausscheiden standen. Doch nur eine Mannschaft hatte dies geschafft, während ihr ein Sweep drohte: die Chicago Cubs im Jahr 1910. Die Brewers wiederum hatten gleich mehrere Rekorde vor Augen. Sie wollten als erstes Team neun Playoff-Spiele in Folge gewinnen und als erste Mannschaft sowohl eine Championship Series als auch die World Series ohne Niederlage abschließen.
Ein Spiel voller Wendungen
Schon lange vor dem dramatischen Finale war das vierte Spiel ein Krimi. Nach der deutlichen 1:10-Niederlage im dritten Spiel am Montag brauchten die Rays dringend einen Impuls – und Chandler Simpson lieferte ihn. Von Cash in der Schlagreihenfolge auf Position sechs zurückgestuft, schlug er im zweiten Inning gegen Brewers-Starter Dustin May ein Double entlang der rechten Foul-Linie. DeLuca sprintete von der ersten Base bis nach Hause, die Rays führten erstmals seit dem zweiten Spiel in Milwaukee.
Die Brewers antworteten jedoch prompt. Im vierten Inning brachte Pratt mit einem Double Sal Frelick zum 1:1-Ausgleich nach Hause. Zuvor hatte DeLuca mit einem spektakulären Hechtsprung im Outfield einen Hit von William Contreras verhindert – ein Spielzug, der im Nachhinein noch an Bedeutung gewann. Im unteren Teil desselben Innings profitierten die Rays dann von einem Doppelfehler der Brewers-Abwehr: Third Baseman David Hamilton verpasste den Tag gegen Caminero und warf anschließend ungenau zur ersten Base. Caminero kam zum 2:1 nach Hause, ein Videobeweis bestätigte die Entscheidung.
Hamilton machte seinen Patzer aber schnell wieder gut. Bereits im fünften Inning schlug er einen weiten Solo-Homerun auf die Tribüne im rechten Feld und stellte auf 2:2. Danach entwickelte sich ein zähes Duell der Pitcher und der Verteidigungsreihen. Eine große Chance der Rays im sechsten Inning nach einem Leadoff-Single von Yandy Díaz machte Brewers-Second-Baseman Brice Turang zunichte: Er fing einen scharf geschlagenen Line Drive von Jonathan Aranda mit über 160 Kilometern pro Stunde und warf rechtzeitig zur ersten Base, um auch Díaz zu erwischen – ein Double Play, das das Stadion verstummen ließ.
Dass das Spiel bis in die Verlängerung ging, verdankten die Rays vor allem ihrem Bullpen, der in den ersten drei Partien der Serie noch die größte Schwachstelle gewesen war. Starter Nick Martinez wurde als Reliever eingesetzt und steuerte zwei Innings ohne Gegenpunkt bei. Auch Closer Bryan Baker, der in der regulären Saison mit 41 Saves die meisten in der gesamten Major League gesammelt hatte, hielt in seinem ersten World-Series-Einsatz zwei Innings lang dicht. Im neunten Inning half ihm Simpson mit einem perfekt getimten Sprung an der Bande des linken Feldes, und kurz darauf wurde ein Steal-Versuch von Pratt nach Videobeweis zum Out umgewandelt.
Für die Rays ist der Sieg auch eine Rückkehr zur eigenen Identität. In den ersten drei Spielen hatte die Mannschaft kaum wiederzuerkennen gewirkt: Die starke Verteidigung, das geduldige Schlagspiel und das aggressive, aber kluge Baserunning, die das Team an die Spitze der AL East und durch die Playoffs getragen hatten, waren verschwunden. „Gewinnt ein Inning“, hatte Baseball-Chef Erik Neander vor dem Spiel ausgegeben – ein bescheidenes Ziel, aus dem schließlich ein ganzer Abend voller Kampfgeist wurde. Designated Hitter Yandy Díaz hatte zuvor betont, ein Comeback sei zwar schwer, aber nicht unmöglich.
Zu Hause fühlen sich die Rays ohnehin wohl. Mit 55 Siegen und 26 Niederlagen im eigenen Stadion teilten sie sich in der regulären Saison die beste Heimbilanz der Liga – ausgerechnet mit den Brewers. Diese Stärke soll nun auch im fünften Spiel helfen, das bereits am Mittwoch erneut in St. Petersburg stattfindet. Es wird das letzte Heimspiel der Rays in diesem Jahr sein, und sie hoffen, die Serie zumindest zurück nach Milwaukee zu tragen.
Die Statistik spricht allerdings weiterhin deutlich gegen Tampa Bay. 25 Mannschaften lagen in einer World Series im Modus Best-of-Seven bereits mit 0:3 zurück, keine einzige erzwang ein sechstes Spiel. Nur vier Teams – die Cubs 1910, die New York Giants 1937, die Cincinnati Reds 1970 und die New York Yankees 2024 – schafften es überhaupt bis in ein fünftes Spiel. Die Rays haben sich nun in diese kleine Liste eingereiht. Ob sie Geschichte schreiben oder die Brewers doch noch ihren ersten Titel feiern, entscheidet sich vielleicht schon in der kommenden Nacht.
Eines steht jedenfalls fest: Mit diesem Abend hat die World Series 2026 ihren ersten echten Klassiker bekommen. Und Ben Williamson, der unscheinbare Mann von der Bank, hat sich einen Platz in den Geschichtsbüchern seines Klubs gesichert.
