Am Wochenende der Paris Fashion Week hat das Haus Vivienne Westwood seine Frühjahr-/Sommer-Kollektion 2027 unter dem Titel „Body and Soul“ vorgestellt. Kreativdirektor Andreas Kronthaler, der das Label nach dem Tod von Vivienne Westwood weiterführt, sprach dabei offen von einem „prekären Moment“ der Modebranche. Die Schau selbst blieb typisch westwoodesk: verspielt, stoffreich und mit einer Mischung aus afrikanisch inspirierten Stoffen und der privaten Vorliebe des Designers für Nachthemden, die er im heißen Sommer auch auf der Straße und dem Fahrrad getragen haben will.
Ein Stoffstück vom Marché Barbès in Paris soll einer der Ausgangspunkte gewesen sein. Kronthaler erzählte, er habe sein „life shirt“ – das Nachthemd als Alltagsteil – ausprobiert und positive Reaktionen bekommen. Daraus entstand laut eigenen Angaben ein Teil der Kollektionsidee: Komfort, Präsenz und ein Hauch Theater, ohne die Marke auf reine Kostümierung zu reduzieren. Auf dem Laufsteg war unter anderem Natasha Lyonne in einer Animal-Print-Jacke zu sehen; in der Front Row saßen unter anderem Heidi Klum, Rose McGowan und Paris Jackson. Solche Prominentenplätze sind für Paris Routine – und zugleich ein Signal, dass unabhängige Häuser weiterhin mediale Aufmerksamkeit erzeugen können.
Genau diese Unabhängigkeit betonte Kronthaler im Gespräch. Vivienne Westwood sei unabhängig, mit guten und harten Seiten. Die Branche insgesamt wirke unsicher: viele Kreativdirektoren stünden unter Druck, Wechselgerüchte um große Namen gehörten zum Hintergrundrauschen der Woche. Für ein mittelgroßes, aber ikonisches Label bedeutet das eine Gratwanderung zwischen künstlerischer Freiheit und wirtschaftlicher Realität. Kronthalers Formulierung vom „precarious moment“ trifft einen Nerv, der weit über ein einzelnes Haus hinausgeht.
Parallel zeigte Hermès seine Damenkollektion im Hof der Republikanischen Garde. Leitmotive waren der Reißverschluss und ultradünne Riemen: Zips modulierten Rocklängen, liefen über Lederjacken und entlang ausgestellter Hosen. Designerin Nadège Vanhée setzte auf transparente Strickteile, Mesh-Kleider mit feinen Lederstreifen und lange Schlitze – eine warme, körpernahe Ästhetik, die zur spätsommerlichen Temperatur in Paris passte. Flache Ledersandalen dominierten, vereinzelt kamen kniehohe Stiefel dazu. Hermès gilt als robuster als viele Wettbewerber, spürt aber die Abkühlung der Luxusnachfrage: Die Aktie hat seit Jahresbeginn deutlich nachgegeben, nach den Halbjahreszahlen gab es einen spürbaren Kurseinbruch.
Für Hermès stehen weitere Etappen an: Vanhée soll im Januar die erste Haute-Couture-Kollektion des Hauses zeigen; Grace Wales Bonner übernimmt das Herrenressort und wird ihre erste Hermès-Herrenshow verantworten. Das sind strategische Schritte in einer Phase, in der selbst Traditionsmarken Wachstum und Relevanz neu justieren müssen. Paris Fashion Week läuft noch bis zum 6. Oktober; Chanel und Louis Vuitton stehen noch aus. Die Woche ist damit nicht nur Laufstegspektakel, sondern auch Barometer für Stimmung, Personalien und Kaufkraft im Luxussegment.
Für Beobachterinnen und Beobachter in Deutschland ist die Kombination aus Westwood und Hermès am selben Wochenende aufschlussreich. Auf der einen Seite ein unabhängiges, politisch und ästhetisch aufgeladenes Haus, das mit Stoffgeschichten und Alltagsromantik arbeitet. Auf der anderen Seite ein börsennotierter Leder- und Seidenriese, der trotz besserer Resilienz die Nachfrageschwäche nicht ausblenden kann. Beide erzählen Varianten derselben Frage: Wie bleibt Mode sichtbar und glaubwürdig, wenn Budgets enger werden und Kreativchefs schneller ausgetauscht werden?
Was „Body and Soul“ und Hermès über die Pariser Woche verraten
Die Antwort liegt nicht in einer einzelnen Jacke oder einem Reißverschluss-Gag. Sie liegt in der Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, die über den Lookbook-Moment hinausreichen. Kronthaler verknüpft afrikanische Stoffe, Hitze und Nachthemd-Alltag zu einer persönlichen Erzählung; Hermès übersetzt Handwerk und Accessoire-Ikonografie in eine klare Silhouette-Sprache. Wer Mode nur als Warenzyklus liest, verpasst diesen Erzählkern. Wer nur den Celebrity-Faktor zählt, verpasst die wirtschaftliche Unterströmung.
Zugleich bleibt Paris ein Ort der Inszenierung. Die Kulisse der Republikanischen Garde, die Front-Row-Namen bei Westwood, die Gerüchte um mögliche Abgänge bei anderen Häusern – all das speist die mediale Maschine. Für Redaktionen und Social Feeds ist das Rohstoff. Für Labels ist es ein zweischneidiges Schwert: Aufmerksamkeit hilft, aber sie ersetzt weder Abverkäufe noch stabile Teams. Kronthalers Hinweis auf Unabhängigkeit klingt deshalb weniger wie Romantik denn wie Risikomanagement: Wer keinen Konzern über sich hat, entscheidet freier – und trägt Verluste allein.
Die Frühjahr-/Sommer-Saison 2027 wird erst in den Stores und Online-Shops beweisen, ob „Body and Soul“ und die Hermès-Looks kommerziell tragen. Bis dahin gilt der Sonntag nach den Shows als Moment der Einordnung: Westwood zeigt Verspieltheit mit Stoffgeschichte und Branchenwarnung, Hermès zeigt handwerkliche Präzision trotz kühlender Nachfrage. Paris bleibt Bühne – und die Modebranche bleibt, wie Kronthaler es formulierte, in einem Moment, der alles andere als sicher wirkt.
Für stilinteressierte Leserinnen und Leser lohnt der Blick auf Details: transparente Stricklagen bei Hermès, die Mischung aus Nachtwäsche-Anmutung und Laufstegdrama bei Westwood, die Rolle von Reißverschlüssen als Funktions- und Formspiel. Solche Motive wandern oft schneller in den Mainstream als Haute-Preise. Streetstyle und Second-Hand-Kultur greifen Silhouetten auf; Brands reagieren mit günstigeren Linien. Die Woche in Paris ist deshalb auch ein Frühindikator für das, was nächstes Frühjahr in Schaufenstern und auf Plattformen auftaucht.
Historisch war Paris immer beides: Labor und Marktplatz. Die SS27-Shows machen das erneut sichtbar. Westwoods „Body and Soul“ erinnert daran, dass Mode aus gelebten Gesten entstehen kann – ein Nachthemd im Straßenraum, ein Stoff vom Markt. Hermès erinnert daran, dass selbst Häuser mit Wartelisten für Taschen die Nachfragekurve nicht ignorieren können. Zwischen diesen Polen bewegt sich die aktuelle Saison: emotional aufgeladen und ökonomisch wachsam.
Auch die Timing-Frage spielt mit: Während Westwood Unabhängigkeit und Stoffpoesie betont, signalisiert Hermès mit Couture-Plänen und einem neuen Herren-Kreativteam langfristiges Investment trotz schwächerer Nachfrage. Beobachter lesen daraus kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch: emotionale Markenführung und harte Zahlen gehören 2026 enger zusammen denn je. Für Amira-Tower-Leserinnen und -Leser heißt das konkret: Die Pariser Woche liefert nicht nur Looks, sondern eine Momentaufnahme der Branche unter Druck – hell, sichtbar und zugleich nervös.
Zusammengefasst: Am Wochenende um den 4. Oktober 2026 hat Vivienne Westwood mit „Body and Soul“ eine verspielte SS27-Schau gezeigt, während Hermès mit Zips, Mesh und Schlitzen eine körpernahe, handwerkliche Antwort lieferte. Kronthaler sprach von einem prekären Branchenmoment; Hermès plant Couture und einen Herren-Neustart mit Wales Bonner. Die Paris Fashion Week geht bis zum 6. Oktober weiter – mit dem Wissen, dass Glamour und Unsicherheit derzeit eng beieinanderliegen.
