Bei der Paris Fashion Week für Frühjahr/Sommer 2027 stehen am Donnerstag zwei Häuser im Mittelpunkt, deren kreative Zukunft gerade neu verhandelt wird: Balenciaga unter Pierpaolo Piccioli und Icicle unter Bénédicte Laloux. Während Spekulationen über einen möglichen Abschied Picciolis bei dem Kering-Haus kreisen und Icicle zugleich den Einstieg von Sabato De Sarno als Artistic Director bekanntgegeben hat, lieferten beide Labels am 1. Oktober – und damit am Vorabend des heutigen Freitags, 2. Oktober 2026 – Shows, die Farbe, Volumen und Alltagsnähe neu justieren. Die Berichterstattung von FashionNetwork und der internationalen Fachpresse macht klar: Paris bleibt der Ort, an dem Modehäuser nicht nur Kollektionen zeigen, sondern auch ihre Narrative über Stabilität und Wandel schreiben.
Piccioli betrat den Laufsteg im Tennis Club de Paris unter großem Applaus und umrundete eine monumentale rot-weiße Gorgonie der Künstlerin Aude Franjou, die bis zum Oberlicht ragte. Seine Frühjahr/Sommer-2027-Kollektion trägt den Titel „Les Coraux de la Liberté“ – die Korallen der Freiheit. Darin übersetzt der italienische Designer das Bild eines Korallenriffs in Silhouetten: Drapierungen, asymmetrische Tuniken, offene Tops und Abendkleider mit Fluss, als wären die Stoffe unter Wasser suspendiert. Ein cremefarbenes asymmetrisches Oberteil und ein langes Orangelkleid aus Hunderten Fäden mit Baumwollperlen erinnerten an Alcyonarien; eine weiße Minirock-Silhouette mit cremefarbener Lederjacke und schwarzen Rundzehen-Stiefeln zitierte eine Seeanemone. Die Inszenierung wirkte weniger wie ein harter Imagebruch und mehr wie eine sorgfältig choreografierte Metapher für Schutz, Austausch und gemeinsame Stärke.
Der Designer betonte in seiner Absichtserklärung das kollektive Arbeiten der Ateliers: Niemand leuchte allein, so wie Korallen Schutz und gegenseitigen Austausch bräuchten. Freude und Licht seien nie Einzelleistungen. Die Botschaft ließ sich offen lesen – auch vor dem Hintergrund der Abgangsgerüchte. CEO Gianfranco Gianangeli antwortete nach der Show lächelnd auf die Frage, ob dies Picciolis letzte Show gewesen sei: Die Gerüchte sollten bitte Gerüchte bleiben. In der Front Row saßen unter anderem François-Henri Pinault, Anna Wintour und Fußballer Hugo Ekitiké; Lauryn Hill war anwesend, während eine überarbeitete Version von „Ready or Not“ der Fugees den Laufsteg begleitete. Genau diese Mischung aus Celebrity-Aufmerksamkeit und handwerklicher Erklärung gehört zum heutigen Paris-Ritual: Die Show muss Instagram und Atelier gleichzeitig bedienen.
Stilistisch markiert die Korallen-Kollektion einen klaren Bruch zum Universum Demnas und knüpft zugleich an Picciolis Couture-Debüt für Balenciaga im Sommer an. Cristóbal-Balenciaga-Referenzen bleiben spürbar, doch die Sprache ist weicher, beweglicher, stofflicher. Herrenlooks zeigten überraschende Volumen bei Lederjacken, Bombern und asymmetrisch geschnittenen Jeans. Wiederkehrende Motive: Kettenohrringe bis zur Taille, Korallenschmuck, extrem hohe Jackenkragen und dekonstruierte Cargo-Hosen. Bei den Taschen setzte das Haus auf weiches Leder – Nodo und Silhou Tote – und präsentierte neue Schuhformen, darunter den dekonstruierten Lounge Sneaker. Für Einkäufer und Store-Teams ergeben sich daraus klare Szenografie-Ideen: Korallen, Fransen, Farbakzente, die sich in Schaufenster und Digital Lookbooks übersetzen lassen.
Was die Korallen-Show für Beobachter besonders interessant macht, ist die Balance zwischen Experiment und Verkaufbarkeit. Die großen Abendkleider mit fließenden Schleppendrapés sprechen die redaktionelle Bildsprache an; die Lederjacken, Bomber und Taschen bedienen den Retail. Piccioli nutzt seine Couture-Erfahrung, ohne die Ready-to-Wear-Logik zu ignorieren. In einem Luxusmarkt, der nach zwei schwierigen Jahren wieder vorsichtig wächst, ist diese Doppelstrategie kein Zufall. Sie erklärt, warum die Show trotz Spekulationen über Personalfragen als inhaltlich stark wahrgenommen wurde – und warum Pinaults Präsenz in der ersten Reihe von der Branche genau notiert wurde.
Icicle setzt auf Pastell und Alltag – und bereitet den De-Sarno-Übergang vor
Am Quai Malaquais, im Palais des Beaux-Arts, zeigte Icicle unter Bénédicte Laloux eine andere Antwort auf denselben Pariser Tag: zeitlosen Minimalismus, der für Frühjahr/Sommer 2027 mit einer mutigeren Farbpalette aufgeladen wird. In der historischen Salle Foch liefen Trenchcoats, Wollmäntel, Blousons, weite Hemden, Hosen, fließende Röcke und strukturierte Shorts aneinander vorbei – verbunden durch farbige Revers, plüschige Kragen und Taschen sowie Gürtel und Bänder, die frei mitlaufen. Laloux erklärte gegenüber FashionNetwork, eine Frau nehme an einem Tag mehrere Rollen ein; selbst eine minimalistische Silhouette dürfe deshalb nicht nur eine einzige Form haben. Die Gästeliste mit Kelly Rutherford und weiteren internationalen Faces unterstrich den Anspruch, Alltag und Glamour nicht als Gegensätze zu denken.
Farblich öffnete sich die Marke über ihre Signatur aus Weiß, Beige und Rot hinaus: Himmelblau, Pastellgelb, Moos- und Anisgrün sowie ein Rosa-Flieder-Ensemble am Anfang der Show. Laloux räumte ein, zunächst fast nur Beige, Schwarz und Weiß entworfen zu haben – dann habe sie bewusst „pop pastel“-Akzente gesetzt, weil Frauen Farbe wollten, auch in kleinen Dosen. Stoffe wie Leinen, Crêpe, Seidenchiffon, Popeline und Wolle trugen die Leichtigkeit und Dichte der Saison. Chinesische Impulse stecken laut Laloux vor allem in den Silhouetten und in natürlichen Materialien, insbesondere chinesischer Seide. Mit rund 200 Boutiquen in Paris und Shanghai und dem bevorstehenden 30-jährigen Jubiläum 2027 steht Icicle an einem strategischen Wendepunkt.
Genau dieser Wendepunkt macht die Show politisch im Mode-Sinne: Sabato De Sarno ist seit Anfang September Artistic Director; seine Handschrift soll ab Herbst/Winter 2027/28 spürbar werden. Laloux bleibt für die Damenkollektionen verantwortlich. Die Doppelstruktur – etablierte Womenswear-Leitung plus neuer Artistic Director – ist ein Versuch, Kontinuität und Frische gleichzeitig zu verkaufen. Für Beobachter der Paris Fashion Week, die vom 28. September bis 6. Oktober 2026 läuft, ist das typisch für die aktuelle Saison: Häuser verhandeln Führungswechsel nicht hinter verschlossenen Türen, sondern auf dem Laufsteg, mit Farbe, Volumen und Erklärungen an die Presse. Wer De Sarnos frühere Arbeit kennt, erwartet einen klareren Markenrahmen; wer Laloux folgt, hofft auf den Erhalt der alltagstauglichen DNA.
Für den heutigen Freitag, den 2. Oktober, bleibt Paris im Takt dichter Termine. Auf dem Kalender stehen unter anderem Loewe, Issey Miyake, Casablanca, Givenchy, Yohji Yamamoto und Victoria Beckham – Live-Übertragungen inklusive. Nach Mailands maximalistischen Prints und experimentellem Schuhwerk setzt Paris derzeit andere Akzente: bei Balenciaga die maritime Metapher als Haltung, bei Icicle die Alltagsfrau in Pastell. Beide Shows erklären, warum die Woche mehr ist als eine Abfolge von Looks. Sie ist ein Marktplatz für Narrative – über Ateliers, über Führung und darüber, wie viel Farbe der Luxusmarkt 2026 verträgt. Community-Viewings und Watch Parties verstärken diesen Effekt: Mode wird wieder kollektiv erlebt, nicht nur als Front-Row-Privileg.
Dass Luxe-Konzerne unter Druck stehen, gehört zum Hintergrundrauschen dieser Fashion Week. Berichte über ein schwierigeres Luxusumfeld und die Suche nach wearbaren, emotionalen Looks begleiten Chloé ebenso wie die großen Häuser. Picciolis Korallen und Laloux’ Pastelltöne antworten darauf mit Zugänglichkeit ohne Banalität: Bewegung statt steifer Pose, Farbe ohne Chaos, Handwerk als Argument. Für deutsche Leserinnen und Leser, die die Paris Fashion Week vor allem digital verfolgen, sind genau diese Bilder entscheidend – sie bestimmen, welche Looks in Social Feeds und Einkaufslisten landen. Korallenfransen und Pastellrevers sind dabei keine bloßen Saisonfarben, sondern Lesezeichen für eine Branche, die wieder Wärme und Lesbarkeit sucht.
Balenciaga und Icicle haben am Donnerstag zwei unterschiedliche Antworten gegeben, die denselben Wunsch bedienen: Mode soll wieder Freude und Gemeinschaft signalisieren. Ob Piccioli bleibt und wie stark De Sarno Icicle umbaut, wird die Saison zeigen. Bis dahin gilt für den 2. Oktober: Paris spricht in Korallen und Pastell – und die Branche hört genau hin. Wer die kommenden Tage verfolgt, sollte die Verbindung im Blick behalten: Kreative Botschaften auf dem Laufsteg, Führungsfragen hinter den Kulissen und ein Publikum, das beides gleichzeitig bewertet.
