Netflix zeigt Trailer zu Brad Birds „Ray Gunn“ – Noir-Animation startet im Dezember

Netflix zeigt Trailer zu Brad Birds „Ray Gunn“ – Noir-Animation startet im Dezember

Netflix hat den offiziellen Trailer zu Brad Birds neuer Animationsfigur „Ray Gunn“ veröffentlicht – und damit ein Projekt in den Vordergrund gerückt, an dem der Regisseur nach eigenen Angaben rund dreißig Jahre gearbeitet hat. Der Film, beschrieben als Neo-Noir-Science-Fiction-Mystery, soll am 18. Dezember auf Netflix starten und zuvor am 4. Dezember eine begrenzte 70-Millimeter-Kinorunde in ausgewählten Häusern bekommen. Für Fans von „The Iron Giant“, „Die Unglaublichen“ und „Ratatouille“ ist das mehr als ein weiterer Streamer-Termin: Es ist Birds erstes großes Animationsprojekt seit Jahren – und sein erstes für eine Streaming-Plattform.

Die Grundidee klingt so schräg, dass sie nur aus einem Missverständnis kommen konnte. Bird hörte den Anfang von „Planet Claire“ der B-52s und hielt den Track zunächst für eine Coverversion von Henry Mancinis „Peter Gunn“-Thema. Daraus wurde der Name Ray Gunn – ein Wortspiel mit dem Raygun – und die Vision einer Zukunft, wie man sie sich 1939 vorgestellt hätte. Offizielle Synopsis: In Metropia, einer gigantischen Stadt in einer alternativen Zukunft aus der Perspektive von 1939, gerät Privatdetektiv Raymond Gunn (gesprochen von Sam Rockwell) in einen Fall um Außerirdische, Mord und einen Multimedia-Star namens Venus Nova (gesprochen von Scarlett Johansson). Bird selbst nennt den Mix „The Maltese Falcon“ trifft „Buck Rogers“ – Film Noir mit mehr Comedy und mehr Action als üblich.

Der Cast ist bewusst erwachsen und starbesetzt. Neben Rockwell und Johansson sprechen Tom Waits als Rays einäugiger Alien-Kollege Eyera (gesprochen „Ira“), Matt Berry als Alien-Mobboss Francis „Sluggy“ Xavier, Bobby Cannavale als Venus’ Ehemann, der Ray anheuert, Alan Tudyk als Manager Barry Vogel, Michael Chernus als Studio-Fixer Sam und Patton Oswalt als Hologramm. Bird selbst leiht den Handlangern Gunsol und Musker seine Stimme; weitere Rollen sind unter anderem mit Kathryn Hunter, John Ratzenberger und Jamie Costa besetzt. Der Trailer zeigt Retro-Futurismus pur: fliegende Autos, Jetpacks, Laserwaffen, Außerirdische und eine klassische Femme-fatale-Dramaturgie – getragen von einer verlangsamten Version von „6 Underground“ der Sneaker Pimps.

Warum „Ray Gunn“ kein Kinderfilm werden soll

Bird betont seit Monaten, dass „Ray Gunn“ eine etwas ältere Zielgruppe anspricht und reifere Themen anschneidet – PG-zertifiziert, aber bewusst kein Film für Fünfjährige. Lange habe genau dieses Profil Studios abgeschreckt. Das Skript, gemeinsam mit Matthew Robbins geschrieben (beide hatten bereits an „Batteries Not Included“ gearbeitet), lag laut Bird jahrelang in einem Aktenschrank bei Warner Brothers, während er andere Projekte vorantrieb. Netflix holte das Material nun auf die große Streaming-Bühne und zeigte Ende Juli hinter verschlossenen Türen bereits die ersten dreißig Minuten – fünf Monate vor dem geplanten Start, begleitet von Composer Michael Giacchino, einem langjährigen Bird-Partner.

Für die Unterhaltungsbranche ist der Trailer-Drop ein doppeltes Signal. Erstens: Star-Animation jenseits reiner Familienfranchises hat weiter Platz, wenn die Marke stark genug ist. Zweitens: Streamer setzen weiter auf Autoren-Regisseure mit bewährter Ticket- und Awards-Historie, um sich in der Weihnachtszeit von Serienrauschen abzuheben. Bird ist zweifacher Oscar-Gewinner; „Ray Gunn“ ist sein erster Film seit 2018. Die begrenzte 70-mm-Kinorunde vor dem Netflix-Start wirkt wie ein Statement: Das Material soll als Kinoerlebnis zählen, nicht nur als Playlist-Eintrag.

Inhaltlich bleibt die Spannung zwischen Genre-Hommage und Eigenständigkeit. Wer Noir liebt, erkennt Detektiv-Codes, Schattenästhetik und den klassischen Auftrag, die Ehefrau auszuspionieren. Wer Science-Fiction mag, bekommt Aliens, fliegende Vehikel und eine Stadtarchitektur, die Art-déco mit Retro-Raketen verbindet. Bird verspricht bewusst mehr Humor und Action als der durchschnittliche Hardboiled-Film – und damit eine Tonlage, die zwischen „Die Unglaublichen“ und klassischem Detektivkino oszilliert, ohne Pixar-Kindchenschema zu kopieren.

Ob „Ray Gunn“ zum Weihnachts-Event wird, entscheiden Dezember-Kritiken und die ersten Streaming-Zahlen. Amiratower sieht im Trailer bereits genug Eigenständigkeit, um das Projekt aus dem üblichen Animations-Rauschen herauszuheben: eine klar erzählte Prämisse, ein Cast mit Wiedererkennungswert und ein Regisseur, der dreißig Jahre auf diesen einen Missklang aus „Planet Claire“ gewartet hat. Am 4. Dezember beginnt die Kinorunde, am 18. Dezember folgt Netflix – und dann zeigt sich, ob Metropia so klebt wie Birds frühere Welten.

Für das deutsche Publikum kommt der Titel in einer Phase, in der Streaming-Animation zwischen Blockbuster-Sequels und erwachseneren Originalen um Aufmerksamkeit konkurriert. „Ray Gunn“ positioniert sich klar auf der zweiten Spur: stilisiert, dialogstark, genrebewusst. Wer den Trailer gesehen hat, kennt das Versprechen – Regen auf Chrom, Neon auf Asphalt, ein Detektiv mit Strahlenpistole. Ob daraus ein neuer Kultfilm wird, hängt davon ab, ob Bird die Balance aus Noir, Comedy und Action über zwei Stunden hält. Amiratower bleibt dran: Denn wenn ein Regisseur dreißig Jahre an einer Idee festhält, lohnt sich zumindest der erste Blick im Dezember.

Für Streaming-Plattformen ist der Dezember ohnehin ein umkämpftes Fenster: Blockbuster-Sequels, Preisverleihungs-Buzz und Familienfilme konkurrieren um dieselbe Aufmerksamkeitsspanne. „Ray Gunn“ setzt dagegen auf Autorenmarke und Genre-Klarheit. Bird bringt Awards-Glaubwürdigkeit mit; Netflix bringt Reichweite und eine Marketingmaschine, die Trailer in wenigen Stunden weltweit sichtbar macht. Die begrenzte 70-mm-Vorpremiere ist dabei kein Widerspruch zum Streaming-Modell, sondern ein Prestige-Hebel: Wer das Material zuerst auf großer Leinwand sieht, trägt die Erzählung in Feuilletons und sozialen Netzwerken, bevor der Massenstart folgt.

Ob der Film die hohen Erwartungen hält, hängt von Tempo, Figurenzeichnung und der Balance aus Ironie und Pathos ab. Noir lebt von Stimme und Atmosphäre; Science-Fiction lebt von Weltbau. Scheitert eines von beiden, droht ein stilistisch beeindruckendes, aber kaltes Spektakel. Gelingt beides, könnte „Ray Gunn“ genau jene erwachsene Animationsnische besetzen, die Bird seit Jahren einfordert – jenseits von Franchise-Zwängen und Kindchenschema. Amiratower bewertet den Trailer deshalb als starkes Versprechen, nicht als fertiges Urteil: Die Bilder sitzen, die Prämisse ist klar, der Cast trägt Wiedererkennung. Ob Metropia im Dezember wirklich klebt, entscheidet erst der fertige Film.

Bis dahin bleibt der 24. September der Tag, an dem aus einem jahrzehntealten Entwicklungsmythos ein greifbarer Termin wurde. Trailer online, Kinodatum gesetzt, Netflix-Start bestätigt. Für Fans von Bird, Noir und Retro-Futurismus ist das ausreichend Grund, den Dezember freizuhalten – und für die Branche ein Reminder, dass manche Ideen eben doch länger brauchen als ein Quartalszyklus, bevor sie fliegen.

Author: amira-sl1