RB Leipzig ist beim Champions-League-Comeback mit einem klaren Fehlstart gescheitert. Am Ufer des Comer Sees unterlag das Team von Trainer Martín Demichelis dem italienischen Neuling Como 1907 mit 1:4 (0:2) – verdient und in der Höhe wenig überraschend. Nur fünf Tage nach dem 1:3 in Bremen wächst der Druck auf die Sachsen spürbar. Die Kulisse war traumhaft, der Auftritt dagegen ein Alptraum.
Bereits in der ersten Halbzeit erinnerte das Spiel fatal an das Debakel vom Wochenende. Leipzig agierte behäbig und ideenlos, es fehlte an Tempo und Genauigkeit. Gegen deutlich agilere Gastgeber ging der Ball schon im Mittelfeld verloren, die Defensive sah gegen Comos flinke Stürmer oft hilflos aus. Martin Baturina erzielte in der 15. Minute das historische erste Königsklassen-Tor für Como. Tasos Douvikas erhöhte vor der Pause auf 2:0 (38.).
Nach dem Seitenwechsel versuchte RB aktiver zu werden. Willi Orban verpasste nach einem Freistoß von David Raum knapp den Anschlusstreffer (48.). Como blieb jedoch effizienter: Assane Diao besorgte per Konter die Vorentscheidung zum 3:0 (54.). Andrija Maksimović verkürzte mit einem präzisen Schuss aus sechzehn Metern auf 1:3 (58.) und sorgte für einen kurzen Hoffnungsschimmer. Ernsthaft in Bedrängnis brachten die Leipziger den Gastgeber danach aber nicht mehr. In der Schlussminute stellte Einwechsler Máximo Perrone den Drei-Tore-Abstand wieder her (90.).
Nationalspieler David Raum fasste die Stimmung nach dem Abpfiff bei DAZN ungeschönt zusammen: „Es fühlt sich echt kacke an grad.“ Das Team habe „ordentlich einen auf den Deckel gekriegt“. Demichelis umarmte seinen siegreichen Trainerkollegen Cesc Fàbregas und drehte dann mit gesenktem Kopf ab. Für den vor sieben Jahren noch viertklassigen italienischen Klub war es ein Abend zum Feiern – für Leipzig der zweite herbe Rückschlag in Serie.
Druck auf Demichelis und der Blick auf die Ligaphase
Bereits bei der vorherigen Champions-League-Teilnahme war Leipzig ohne Punkte nach dem ersten Spieltag der Ligaphase geblieben und schied später abgeschlagen aus. Die Parallele ist unbequem. Mit nur einem Ehrentreffer und einer Defensive, die Konter nicht kontrollieren konnte, stellt sich die Frage, ob der Kader und die Spielidee für die neue Ligaphase taugen. Frisches Personal nach der Pause brachte zwar mehr Ballbesitz, aber wenig zwingende Chancen. Die Effizienz lag klar bei Como.
Für Demichelis, der das Traineramt erst übernommen hat, wird die öffentliche Geduld schneller dünn, wenn Ergebnisse und Auftritte nicht passen. Zwei Niederlagen in Folge – Bremen und Como – sind für einen Klub mit europäischen Ansprüchen keine Fußnote. Gleichzeitig ist die Ligaphase lang: Acht Spiele bieten Raum zur Korrektur. Dafür braucht Leipzig aber Tempo im Umschaltspiel, mehr Präzision im Passspiel und eine Abwehrkette, die Konter nicht einlädt.
Como dagegen hat gezeigt, dass Investoren-Projekte in Italien nicht nur Marketing sind. Mit Baturina, Douvikas, Diao und Perrone trafen unterschiedliche Typen – Kreativität, Abschluss und Kälte in der Schlussphase. Fàbregas’ Team nutzte die Schwächen der Gäste systematisch aus und belohnte sich selbst für Intensität und Klarheit. Der Kontrast zu Leipzigs behäbiger erster Hälfte war eklatant.
Sportlich bleibt für die Sachsen nur der nüchterne Befund: Der Königsklassen-Auftakt ist verpatzt, die Tabelle startet mit null Punkten und einer negativen Tordifferenz. Der nächste Bundesliga-Termin und die weiteren Europapokalspiele werden zeigen, ob Demichelis die Mannschaft kurzfristig stabilisieren kann. Die Fans erwarten Reaktion statt Analyse – und das zu Recht nach einem Abend, an dem Leipzig gegen einen Aufsteiger der europäischen Bühne chancenlos wirkte.
Historisch betrachtet ist ein Fehlstart in der Champions League für Leipzig kein Novum, aber die Art des Auftritts macht den Unterschied. Wer Ballverluste im Mittelfeld produziert und Konter nicht unterbindet, wird in dieser Wettbewerbsklasse bestraft. Como hat das Lehrbuch gespielt; Leipzig hat die Lektion bekommen. Ob daraus Lernen wird, entscheidet sich nicht in der Pressekonferenz, sondern auf dem Platz – mit Tempo, Mut und einer klaren defensiven Ordnung.
Für die deutsche Champions-League-Bilanz des Abends bleibt ein zweigeteiltes Bild: Während der FC Bayern parallel ein Ausrufezeichen setzte, startete Leipzig mit einem Debakel. Das erhöht den Kontrast und den Erwartungsdruck in Sachsen zusätzlich. Europa schaut nicht auf Versprechen, sondern auf Ergebnisse. Nach Como sind die Ergebnisse eindeutig – und unangenehm.
In den kommenden Tagen wird die interne Aufarbeitung folgen: Videoanalyse, Personaldiskussionen, vielleicht auch taktische Justierungen im Pressing. Entscheidend ist, dass die Mannschaft den Schock nicht mitnimmt in die Liga. Zwei Niederlagen hintereinander können eine Dynamik erzeugen, die schwer zu stoppen ist – oder den Weckruf auslösen, den Demichelis braucht, um Autorität und Klarheit durchzusetzen.
Am Ende des Tages steht ein klares Ergebnis: Como 4, Leipzig 1. Der Neuling feiert seinen Einstand, der Bundesligist sucht Antworten. Für Amiratower-Leserinnen und Leser heißt das: Die Königsklasse hat am ersten Spieltag bereits Drama geliefert – und Leipzig ist mittendrin, leider auf der falschen Seite der Statistik.
Auch wirtschaftlich ist der Abend für Leipzig unbequem. Europäische Nächte bedeuten Reichweite, Sponsoren und sportliche Reputation – ein 1:4 gegen einen Ligaphase-Neuling sendet das Gegenteil von Dominanz. Die interne Kommunikation wird in den nächsten Tagen betont sachlich bleiben müssen, während draußen bereits über Trainerdruck spekuliert wird. Demichelis braucht schnelle, sichtbare Verbesserungen: kompakteres Mittelfeld, klarere Rollen im Pressing und mehr Mut im letzten Drittel.
Como hat derweil bewiesen, dass Mut und Tempo in der Königsklasse belohnt werden. Der Klub am See schreibt mit dem Auftaktsieg eine frühe Erfolgsgeschichte; Leipzig schreibt eine Warnung an sich selbst. Wer jetzt nur auf Pech verweist, verkennt die strukturellen Schwächen des Abends. Die Analyse muss ehrlich sein – sonst droht der Fehlstart zur Serie zu werden.
