Belgrad hat am Donnerstagabend ein Bild geliefert, das in Serbien lange niemand für möglich gehalten hätte: Rund um den Slavija-Platz, einen der wichtigsten Verkehrsknoten der Hauptstadt, standen die Menschen so dicht, dass auch die angrenzenden Straßenzüge voll waren. Nach Zählung der unabhängigen Gruppe „Archiv öffentlicher Versammlungen“ kamen rund 150.000 Menschen zur Abschlusskundgebung der „Studentenliste – Studenten siegen“. Drei Tage vor der vorgezogenen Parlamentswahl am Sonntag, dem 25. Oktober, war das ein unübersehbares Signal an die Regierung von Aleksandar Vučić.
Die Stimmung auf dem Platz schwankte zwischen Volksfest und politischem Ernst. Fahnen wurden geschwenkt, Sprechchöre riefen nach dem Sieg, und doch hörten die Menschen konzentriert zu, als zehn Kandidatinnen und Kandidaten der Liste nacheinander ans Mikrofon traten. Einer von ihnen, Tihomir Stanić, fasste den Kern der Bewegung in einem Satz zusammen: Man habe es satt, dass in Serbien nicht alle vor dem Gesetz gleich seien. Andere Redner formulierten es noch zugespitzter: Die Bürger hätten am Sonntag die Wahl zwischen Serbien oder der Mafia, zwischen Freiheit oder Unterdrückung, zwischen Aufbruch oder Niedergang.
Vučić selbst hielt zur gleichen Zeit eine eigene Wahlveranstaltung ab – nicht unter freiem Himmel, sondern in einer Sporthalle. Allein dieser Kontrast sagt viel über den Wahlkampf aus: Auf der einen Seite eine Bewegung, die ihre Kraft aus der Straße bezieht, auf der anderen Seite ein Politiker, der seit mehr als einem Jahrzehnt auf einen gut geölten Partei- und Staatsapparat setzen kann.
Vom eingestürzten Vordach zur Machtfrage
Um zu verstehen, warum diese Wahl so viel Aufmerksamkeit bekommt, muss man zwei Jahre zurückblicken. Im November 2024 stürzte am frisch renovierten Bahnhof von Novi Sad ein Betonvordach ein. 16 Menschen starben. Für viele Serbinnen und Serben wurde das Unglück zum Symbol für ein System, in dem öffentliche Aufträge nach Beziehungen vergeben werden und Sicherheitsstandards nur auf dem Papier existieren. Es waren vor allem Studierende, die daraufhin auf die Straße gingen – zunächst mit einer schlichten Forderung: vollständige Aufklärung und Verantwortung für die Toten.
Aus diesen Protesten wurde eine der größten Bürgerbewegungen, die das Land seit dem Sturz von Slobodan Milošević erlebt hat. Universitäten wurden blockiert, Schülerinnen, Bauern, Taxifahrer und Rentner schlossen sich an. Mit der Zeit weiteten sich die Themen: Es ging nicht mehr nur um das Vordach von Novi Sad, sondern um Korruption, um die Unabhängigkeit der Justiz, um freie Medien und um die Frage, wie viel Macht ein einzelner Mann in einem Staat ansammeln darf, der offiziell Mitglied der Europäischen Union werden möchte.
Eine Kernforderung der Bewegung war die nach Neuwahlen. Ende September trat Vučić schließlich nach neun Jahren als Staatspräsident zurück und machte damit den Weg für die Abstimmung am Sonntag frei. Ganz aus dem Spiel nimmt er sich damit allerdings nicht: Er bewirbt sich nun um das Amt des Regierungschefs – jenen Posten, den er schon einmal innehatte, bevor er Präsident wurde. Kritiker sehen darin den Versuch, die Macht lediglich neu zu verpacken. Anhänger loben, er habe sich dem Wählerwillen gestellt.
Bemerkenswert ist auch die Form, in der die Opposition antritt. Die Studentenliste ist keine klassische Partei mit Vorsitzendem, Generalsekretär und Parteizentrale. Sie versteht sich als führungslose Bewegung, deren Kandidatinnen und Kandidaten von Studierenden unterstützt und ausgewählt wurden. Das macht sie für viele Wähler glaubwürdig, die von den etablierten Oppositionsparteien enttäuscht sind. Gleichzeitig ist es ein Experiment: Ob eine solche Struktur im Fall eines Wahlsiegs auch eine stabile Regierung bilden kann, ist eine offene Frage, die selbst Sympathisanten beschäftigt.
Dass die Machtfrage überhaupt ernsthaft gestellt wird, zeigen die Umfragen. Das unabhängige Institut „Nova srpska politička misao“ (Neues serbisches politisches Denken) sah die Studentenliste in einer am Dienstag veröffentlichten Erhebung mit 44,5 Prozent knapp vor Vučićs Serbischer Fortschrittspartei (SNS) mit 42,7 Prozent. Es ist das erste Mal seit mehr als zehn Jahren, dass eine Oppositionsliste vor einer nationalen Wahl in einer Umfrage vorn liegt. Der Herausgeber warnte allerdings selbst davor, die Zahlen als Prognose zu lesen – sie seien eine Momentaufnahme, und die Reaktionen auf die Veröffentlichung seien teils „nahezu hysterisch“ gewesen. Andere Umfragen sehen beide Lager etwa gleichauf.
Überschattet wird der Wahlkampf von Vorwürfen der Zivilgesellschaft. Beobachtergruppen berichten von Einschüchterungen, Festnahmen und dem Einsatz staatlicher Mittel für Parteizwecke. Die Regierung weist das zurück und wirft ihrerseits der Protestbewegung vor, vom Ausland gesteuert zu sein – ein Vorwurf, den die Studierenden als durchsichtiges Ablenkungsmanöver bezeichnen. Für den Wahltag selbst dürfte daher vor allem eine Frage entscheidend sein: Wie transparent und fair wird ausgezählt, und werden beide Seiten das Ergebnis akzeptieren?
Für Europa ist die Abstimmung mehr als eine innenpolitische Angelegenheit. Serbien ist offizieller Beitrittskandidat der EU, pflegt aber gleichzeitig enge Beziehungen zu Russland und China. Vučić hat sich jahrelang als unverzichtbarer Stabilitätsanker auf dem Balkan präsentiert und zwischen Ost und West laviert. Ein Machtwechsel könnte diese Balance verschieben – wohin genau, ist allerdings nicht ausgemacht. Die Studentenbewegung hat sich bewusst nicht auf außenpolitische Grundsatzdebatten eingelassen, sondern ihre Kampagne auf Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung und funktionierende Institutionen konzentriert. Gerade das macht sie für Brüssel interessant, denn genau an diesen Punkten hakt der Beitrittsprozess seit Jahren.
Auffällig ist schließlich, wer diese Bewegung trägt. Es ist eine Generation, die kaum ein anderes Serbien kennt als das unter Vučić. Ein 21-jähriger Jurastudent aus Novi Sad beschrieb es gegenüber Journalisten so: Junge Menschen kämpften für eine Regierung, die in ihre Zukunft investiere, statt sie zu untergraben, bevor ihr Erwachsenenleben überhaupt richtig begonnen habe. Viele seiner Altersgenossen haben in den vergangenen Jahren das Land verlassen, um in Westeuropa zu studieren oder zu arbeiten. Die Proteste waren für viele Zurückgebliebene auch ein Versuch, einen Grund zum Bleiben zu finden.
Ob der Abend am Slavija-Platz der Auftakt zu einem historischen Machtwechsel war oder der emotionale Höhepunkt einer Bewegung, die am Ende doch an den Strukturen scheitert, wird sich am Sonntagabend zeigen. Sicher ist nur: Serbien geht so offen in eine Wahl wie seit vielen Jahren nicht mehr – und die Menschen, die am Donnerstag in Belgrad auf der Straße standen, haben klargemacht, dass sie das Ergebnis genau beobachten werden.
